Direkt zum Inhalt

EU-Projekt: Kleidung und Identität - neue Blickwinkel auf Textilien im Römischen Reich (DressID)

EU project: Clothing and Identities - New Perspectives on Textiles in the Roman Empire (DressID)

Am 1.10.2007 fiel der Startschuss für das europaweit vernetzte Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur Untersuchung römerzeitlicher Textilien namens DressID. Mit einem Betrag von 2,45 Millionen Euro wird das Projekt vom Kulturprogramm der Europäischen Union (EACEA) unterstützt. Bislang wurde keinem anderen deutschen Museumsprojekt eine derart hohe Fördersumme zugesprochen. Sieben Kooperationspartner beteiligen sich an dem Projekt, dessen Koordination an der Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen angesiedelt ist. Leiter der Kooperation ist der Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen, Archäologie und Weltkulturen PD Dr. Michael Tellenbach. Er wird von seinen Mitarbeiterinnen Dr. Ursula Rothe, Projektmanagement, und Monika Lange, M.A., Finanzmanagement, unterstützt.

Innerhalb der interdisziplinären Projektstruktur engagierten sich die Reiss-Engelhorn-Museen in engem Zusammenwirken mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie vor allem im Bereich der Grundlagenforschung zu Qualität und Bedeutung von Kleidung und Identität im römischen Weltreich. Darüber hinaus leiten sie die Vorbereitungen für die Ausstellung.

Sämtliche Ergebnisse wurden in 20 Monographien sowie weit über 100 weiteren Publikationen und durch die Ausstellung „Die Macht der Toga – Dresscode im römischen Weltreich“ im Römer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Forschungsziel

Dass Kleidung bereits in römischer Zeit als Ausdrucksmittel von Persönlichkeit und Identität gedient hat, ist zwar in antiken Schriftquellen immer wieder zu lesen, wie sich jedoch Gewandschnitt, Farbe, Muster oder Gewebequalität ausgewirkt hat und welche Bedeutung römische und regionale Kleidungstraditionen im ersten Vielvölkerstaat Europas hatte, war 6 Jahre hindurch Gegenstand der DressID - Forschung.

Die bislang nur von kleinen Expertengruppen betriebene und wenig berücksichtigte archäologische Textilforschung erhielt durch DressID nachhaltige Förderung. Die Vernetzung der unterschiedlichen Forschergruppen in Nord- und Südeuropa wurde durch die kontinuierliche Zusammenarbeit gefördert. In zahlreichen Museen wurde die archäologische Textilforschung institutionalisiert, in den rem erheblich erweitert und fortentwickelt. Die Ergebnisse der Forschung an römerzeitlichen textilen Feuchtbodenfunden Nordeuropas und den entsprechenden mediterranen Funden, insbesondere aus den römischen Provinzen des Orients und Ägyptens, konnten mit erheblichem Gewinn an Einsicht und Erkenntnissen erfolgreich miteinander verknüpft werden. DressID schloss eine Reihe von Forschungslücken und schuf durch die europaweite Zusammenarbeit von Experten und Institutionen zugleich neue Standards in der Textilforschung.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Reiss-Engelhorn-Museen

Die Erfolge des Projekts verdankten sich nicht zuletzt der Organisation der Zusammenarbeit in 11 multidisziplinären und multinationalen Arbeitsgruppen. Innerhalb des EU-Projektes waren Mitarbeiter der Reiss-Engelhorn-Museen Sprecher der Arbeitsgruppen Spinn- und Web- Qualität und Ausstellung. Dr. Annette Paetz gen. Schieck war Sprecherin der Gruppe zur Spinn- und Web- Qualität, PD Dr. Michael Tellenbach, leitete die Gruppe Ausstellung.

Für die an den Reiss-Engelhorn-Museen betriebene Grundlagenforschung im Bereich der Materialqualität ist in enger Zusammenarbeit mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie ein Faserlabor eingerichtet worden, in dem seither Reihenuntersuchungen zu archäologischem Fundmaterial und zugleich auch zu rezentem Vergleichsmaterial durchgeführt werden. Seit der Ausstattung im Kontext mit DressID werden am Haus optische Untersuchungen mit Auflicht- und Durchlichtmikroskopen vorgenommen, zudem wird ein in beträchtlichen Teilen aus Projektmitteln finanziertes Rasterelektronenmikroskop eingesetzt. Die Kombination der drei Methoden bietet die einzigartige Möglichkeit, Faserstrukturen umfassend und zerstörungsfrei zu analysieren. Ergänzende Untersuchungen an Aminosäuren und mittels Infrarot Spektroskopie, hat einer der Kooperationspartner, das „Royal Institute for Cultural Heritage“ in Brüssel, in Angriff genommen. Die Ergebnisse sollen unter anderem als Dissertation vorgelegt und sämtliche Daten öffentlich zugänglich gemacht werden.  

Ziel ist es,

  • Auswirkungen der Domestikation von Tieren bis in die Gegenwart zu beobachten
  • Qualitätsunterschiede beim Fellwechsel zu bestimmen
  • Unterschiede nach Wuchsort am Tier zu ermitteln
  • sowie die Veränderungen durch Abbauprozesse bei der Bodenlagerung zu identifizieren

Die Ergebnisse sollen schließlich dazu dienen, regionale textiltechnische Besonderheiten zu bestimmen, um so auf der Basis der textilen Grundstoffe lokale Produkte von importierten Gütern unterscheiden zu können. Durch die Identifizierbarkeit der Materialien sollen Handels- und Transportwege von Rohmaterialien und Fertigprodukten sowie mögliche überregionale Produktionsstandards erschlossen werden. Zudem wurde untersucht, ob bereits kleine Fragmente Aussagen über Güteklassen und Luxusprodukte zulassen.

Kulturförderung der Europäischen Union (EACEA)

Ziel der europäischen Kulturpolitik ist es, Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturen herauszustellen, das europäische kulturelle Erbe bewusst zu machen und dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen zu stärken, ohne jedoch die kulturellen, nationalen und regionalen Unterschiede verwischen zu wollen.

Neben der Verbesserung der Kenntnisse der Kulturen und der Geschichte der Völker Europas verfolgt die europäische Kulturpolitik das Ziel, das kulturelle Erbe zu schützen und das kulturelle Schaffen und insbesondere den Kulturaustausch zu fördern.

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt DressID widmete sich jenem Element, mit dem kulturelle Identität zu Ausdruck gebracht werden kann: der Kleidung. DressID befasst sich mit kulturellen, nationalen und regionalen Unterschieden, die durch Kleidung vermittelt werden und schuf somit Wissenschaftsstrukturen, deren Netzwerke und Herangehensweisen maßgebend für weitere Forschungsbereiche werden.

Darüber hinaus ist es ein zentraler Programmpunkt von DressID, die auf wissenschaftlichem Wege gewonnenen Erkenntnisse zur Bekleidung im Römischen Reich und einem breiten europäischen Publikum zugänglich zu machen. Hierzu dienen zahlreiche Publikationen auch in Funk und Fernsehen und nicht zuletzt die Ausstellung „Die Macht der Toga“, deren Katalog den komplexen Gesamtzusammenhang anschaulich darstellt.

Die Reiss-Engelhorn-Museen setzen damit ihre erfolgreiche Synthese von Forschungs- und Museumsarbeit fort. Mit seinem einzigartigen Ansatz zur Verknüpfung von Forschung und Präsentation war DressID unter den zehn Anträgen, die im Rahmen des EU-Rahmenprogramms Kultur 2007 – 2013 bewilligt wurden, das einzige Museumsprojekt.

DressID hat seine Arbeit im Oktober 2007 aufgenommen und lief bis September 2013. Es hatte ein finanzielles Gesamtvolumen von 4,9 Millionen Euro, von denen je 2,45 Millionen Euro von der Europäischen Union bereitgestellt und weitere 2,45 Millionen Euro von den beteiligten Kooperationspartner aufgewendet wurden.

Die Kooperationspartner

Das Forschungsprojekt wurde von der Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen geleitet. Kooperationspartner waren die folgenden Institutionen:

Darüber hinaus waren zahlreiche assoziierte Wissenschaftler auch aus Frankreich, Schweden, Polen, der Slowakei und Italien in das Forschungsprojekt von DressID eingebunden.

In Deutschland engagierten sich gemeinsam mit der Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen:

Interdisziplinäre Projektstruktur 

Textilwissenschaftler, Archäologen, Papyrologen, Althistoriker, Kunsthistoriker, Restauratoren, Zoologen, Archäobotaniker, Archäometriker, Physiker, Chemiker und viele andere widmeten sich gemeinsam der Erforschung von römerzeitlichen archäologischen Textilfunden. Um die vielfältigen Forschungsansätze zu kanalisieren, hat DressID eine einzigartige interdisziplinäre Infrastruktur zur Kooperation geschaffen. Insgesamt elf Arbeitsgruppen erforschen das Selbstverständnis antiker Besitzer und spüren Dress-Codes auf, die Ausdruck von ethnischem, regionalem, religiösem, standes- und altersgeprägtem Selbstbewusstsein waren.

Die Projektstruktur weist die Grundlagenforschung als methodischen und die Kontextforschung als inhaltlichen Schwerpunkt auf. Erstere widmete sich den Themen Bekleidungselementen, Material und Technik, Spinn- und Web- Qualität, Farbe und Altersbestimmung sowie experimenteller Archäologie. Der Tradition des Hauses entsprechend hat Forschung auch immer das Ziel, sich in Form von Ausstellungen zu präsentieren. Dementsprechend widmet sich eine Arbeitsgruppe der Präsentation der Gesamtergebnisse in der study group Ausstellung  „Die Macht der Toga – Dresscode im römischen Weltreich“.

Parallel dazu und aufbauend auf diesen Arbeiten entfaltet sich der zweite Schwerpunkt zu Kontextfragen, die sich aus den schriftlichen und bildlichen Hinterlassenschaften ergeben. Dabei setzen sich die Arbeitsgruppen mit der Selbstdarstellung des Individuums im gesellschaftlichen Kontext des Römischen Weltreichs auseinander, mit der Beziehung von Rom zu den Provinzen, der Darstellung des Menschen nach Geschlecht und Alter, Kleidung und Religion sowie Fragen zu Handel und Produktion.

Auch wenn die Themenschwerpunkte nach methodischen Vorgehensweisen gruppiert waren, hat man dafür Sorge getragen, dass sich die Gruppen aus Forschern diverser Fachrichtungen zusammensetzten. In engem Kontakt und intensivem Dialog erarbeiteten Natur- und Geisteswissenschaftler fächerübergreifende Fragestellungen. Die Wahl der Analysemethoden wurde gemeinsam abgewogen. Gewährleistet wurde dieser permanente Austausch zwischen den Disziplinen durch die sich interdisziplinär und multinational zusammensetzende Leitung der Arbeitsgruppen aus je zwei Sprechern. Diese Gruppenvertreter standen für eine europaweite intensive Zusammenarbeit und Vernetzung von Forschern, Institutionen und Fachrichtungen.

Grundlagenforschung

Um die vielseitigen Aspekte des Forschungsgegenstands untersuchen zu können, wurden zwei methodische und inhaltliche Schwerpunkte geschaffen: Die Arbeitsgruppen 1 bis 6 befassten sich mit Grundlagenforschung an den textilen Hinterlassenschaften. Mittels optischer, chemischer und physikalischer Analysen sowie im Experiment erprobter Rekonstruktionen machten sie die in den Gewebefragmenten enthaltenen Informationen zugänglich und wählten ideale Medien um diese einem breiten Publikum nahe zu bringen.

Die Arbeitsgruppen trugen folgende Titel:

  • Bekleidungselemente (Study Group 1)
  • Material und Technik (Study Group 2)
  • Spinn- und Web- Qualität (Study Group 3)
  • Farbanalyse und Altersbestimmung (Study Group 4)
  • Ausstellung (Study Group 5)
  • Experimentelle Archäologie (Study Group 6)

Kontextanalyse

Aufbauend auf der Grundlagenforschung und daher zeitlich etwas versetzt, nahmen die kontextorientierten Arbeitsgruppen A bis E ihre Forschungen auf. Als Materialbasis dienten antike Schrift- und Bildquellen. Sie wurden in Relation zu den archäologischen Funden gesetzt und mit den Ergebnissen der optischen, chemischen und physikalischen Untersuchungen korreliert.

Die Arbeitsgruppen widmeten sich der Erforschung von Identitätsbewusstsein in verschiedenen Lebensbereichen und trugen folgende Titel:

  • Selbst und Gesellschaft (Study Group A)
  • Rom und die Provinzen (Study Group B)
  • Alter und Geschlecht (Study Group C)
  • Kleidung im Kult (Study Group D)
  • Handel und Produktion (Study Group E)

This project has been funded with support from the European Commission. This publication reflects the views of the author, and the Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein.