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Ahnen kehren zurück nach Neuseeland

Mumifizierte menschliche Māori-Köpfe im Rahmen einer feierlichen Zeremonie übergeben

Tisch auf Bühne mit schwarzer Abdeckung, dahinter befinden sich mehrere Personen einer Maori-Delegation

Neuseeländische Delegation während der Zeremonie. Unter dem schwarzen Tuch befinden sich die Ahnenköpfe © rem, Foto: Rebecca Kind

Drei mumifizierte menschliche Māori-Köpfe aus den Reiss-Engelhorn-Museen kehren zurück nach Neuseeland. Eine Māori-Delegation sowie Vertreter des neuseeländischen Nationalmuseums Te Papa Tongarewa nahmen die Ahnenköpfe heute im Rahmen einer feierlichen Zeremonie entgegen.

Kulturelle Bedeutung der Ahnenköpfe

Es handelt sich um drei Köpfe von erwachsenen Männern, die in der Sammlung Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen verwahrt wurden. Sie weisen Gesichtstätowierungen auf, wie sie bei den Māori einer langen Tradition entsprechen. Die spiralförmigen Ornamente sowie strahlen- und schlangenförmigen Linien geben Auskunft über die Herkunft und Stellung der Verstorbenen. In der indigenen Sprache der Māori werden solche Köpfe als toi moko bezeichnet. Sie wurden durch aufwendige Räucherungsprozesse mumifiziert und dienten der Ahnenverehrung geschätzter Familienangehöriger und Stammesführer. Die Köpfe konnten aber auch Trophäen getöteter Feinde sein. In jedem Fall spielten sie eine wichtige Rolle in der spirituellen Welt der Māori.
Mit dem zunehmenden Kontakt europäischer Seeleute, Händler und Reisender mit der indigenen Bevölkerung im späten 18. und 19. Jahrhunderts stieg in Europa das Interesse an den toi moko. Zwischen 1769 und den 1830er Jahren wurden die Köpfe zur begehrten Handelsware. Sie wurden teilweise gestohlen oder bei gewalttätigen Auseinandersetzungen geraubt. Zwei der in den Reiss-Engelhorn-Museen verwahrten Köpfe gelangten wahrscheinlich auf diesem Wege und über verschiedene Stationen nach Mannheim. Bei dem dritten Kopf legen Recherchen nahe, dass es sich um die Überreste eines Stammesführers handelt, der als Reisender nach Europa kam und hier starb. Sein Kopf wurde deswegen auch nicht auf die traditionelle Weise, sondern wohl von einem Tierpräparator in Europa mumifiziert.

Rückführung nach Neuseeland

Den Antrag auf Repatriierung der drei toi moko hat das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington an die Stadt Mannheim als Träger der Reiss-Engelhorn-Museen gestellt. Der Gemeinderat hat der Rückgabe Ende April zugestimmt. Die Bemühungen Neuseelands um Rückführung menschlicher Überreste reichen bis in die 1980er Jahre zurück. Seit 2003 ist am neuseeländischen Nationalmuseum das Karanga Aotearoa Repatriation Programm (KARP) beheimatet. Dieses ist von der neuseeländischen Regierung sowie den Māori- und Moriori-Gemeinschaften beauftragt, Kontakt mit Museen und Sammlungen in Europa aufzunehmen, um die sterblichen Überreste der Vorfahren zurück in ihre Heimat zu holen. Nach den Glaubensvorstellungen ist mit ihrer Rückkehr der Gedanke verbunden, dass die Verstorbenen und ihre Nachfahren ihre Würde zurückerhalten. Die übereigneten Überreste gehen juristisch nicht in das Eigentum von Te Papa Tongarewa über. Sie befinden sich lediglich in dessen Obhut, bis eine endgültige Lösung gefunden ist. Ziel ist die Rückführung an ihren Herkunftsort.
Es haben bereits zahlreiche Rückführungen aus europäischen Museen stattgefunden. Für 2023 sind Rückgaben mit sieben deutschen Museen und Sammlungen vereinbart.

Stimmen zur Rückgabe

S.E. Craig Hawke, Botschafter von Neuseeland in der Bundesrepublik Deutschland
„Wir feiern 70 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Aotearoa Neuseeland und Deutschland. Diese Rückführungen zeigen, welche reife und enge Beziehung wir teilen. Diese Institutionen haben sowohl bedeutsamen Respekt und Verständnis gegenüber Aotearoa New Zealand sowie den Māori und Moriori bewiesen als auch die Bereitschaft, zu lernen. Die Rückkehr der Vorfahren an ihre Herkunftsorte ist weltweit von enormer Bedeutung. Es ist ermutigend, dass die Weltgemeinschaft in den letzten Jahren in ihrer Einstellung zu heiligen Überresten und Taonga große Fortschritte gemacht hat.“

Arapata Hakiwai, Te Papa’s Kaihautū (Māori co-leader)
„Wir sind unseren Kolleginnen und Kollegen in den Reiss-Engelhorn-Museen für ihre Bemühungen dankbar, unsere Vorfahren zu ihrem Volk und in ihr Land zurückzubringen. Teile der frühen Geschichte zwischen Māori und Pākehā (Europäern) sind eine Herausforderung und der Handel mit toi moko gehört dazu. Durch den Rückführungsprozess werden uns Wege zu einer bedeutungsvollen Versöhnung und Wiedergutmachung nicht nur für die Māori, sondern auch für die Nation geboten.“

Te Herekiekie Haerehuka Herewini, Leiter des Karanga Aotearoa Repatriation Programms am Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa
„Unter ausländischen Institutionen gibt es ein wachsendes Bewusstsein und echtes Verständnis für die Wichtigkeit der Rückführung der Überreste unserer Vorfahren. Die Rückführungszeremonien bieten eine Gelegenheit, das Fehlverhalten anzuerkennen und sich geistig, körperlich und kulturell wieder mit den Vorfahren zu verbinden.“

Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim
„Aus moralisch-ethischer Sicht ist eine Rückführung selbstverständlich. Es handelt sich um Überreste von Menschen, diese sind mit Respekt zu behandeln. Hierbei ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass die toi moko für die Maori als rituell bedeutsame Ahnen gelten."

Dr. Sarah Nelly Friedland, Direktorin der Reiss-Engelhorn-Museen für Archäologie und Weltkulturen
„Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von Te Papa Tongarewa für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Reiss-Engelhorn-Museen begrüßen die Repatriierung der toi moko und freuen sich, dass diese nach Neuseeland zurückkehren. Gemäß den Glaubensvorstellungen der Māori sind die sterblichen Überreste der Ahnen spirituell eng mit ihrer Heimat verbunden. Durch ihre Rückkehr erhalten die Verstorbenen, deren Köpfe lange als reines Handelsobjekt gesehen wurde, ihre Würde zurück."

Mehr über die Ahnenköpfe im rem-Blog

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Blick durch eine Glastür in einen Ausstellungsraum

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