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Karl Friedrich Schimpers Ode an die Eiszeit

Die Eiszeit

Karl Friedrich Schimper

Mehr als der Leu dort oder der Elephant,
Mehr als des Äffleins Fratzengesicht, woran
Sich freut der Pöbel, während Denker
Heimlich sich schämen des Mitgesellen:
Mehr als die Vollzahl aller Geschöpfe selbst,
Die Sammellust doch häuft, und der tiefe Sinn
Des Forschers so geordnet, daß fast
Unwiderstehlich der Geist sich kund gibt:

Mehr als das Reich rings, fesseltest du den Sinn,
Eisbär des Nordpols! Führst mich in Gegenden,
Wo winterfroh du noch im Treibeis
Wohnst und behaglich dich übst im Fischfang.
Wohnst hingedrängt dort lange bereits, doch einst
War deine Heimath näher bei uns! es war
Vielleicht das Urland deiner Schöpfung,
Winterbedeckt noch, das Herz Europas.

Wohl war zuvor mild, milder als jetzt, die Welt:
Weithin im Urwald hallte Gebrüll des Rinds,
Mammuthe grasten still, in Mooren
Wälzten sich lüsterne Pachydermen.
Längst sind vertilgt sie, deren gebleicht Gebein
Einhüllt das Fluthland, oder mit Haut und Fleisch
Zugleich und frisch erhalten, ausspeit,
Endlich erliegend das Eis des Nordens!

Ureises Spätrest, älter als Alpen sind!
Ureis von damals, als die Gewalt des Frosts
Berghoch verschüttet selbst den Süden,
Ebnen verhüllt so Gebirg als Meere!
Wie stürzte Schneesturm, welche geraume Zeit,
Endlos herab! wie, reiche Natur, begrubst
Du lebenscheu dich, öd und trostlos!
Aber es ging ja zuletzt vorüber!

Tief aus dem Grund brach Alpengebirg hervor,
Brach durch die Eiswucht, deren erstarrter Zug
Unendlich trümmervoll mit Blöcken
Seltsam geziert noch den Kamm des Jura.
Wie stand sie hoch erst, deren Zusammensturz
Dich schöner See Genfs, dich auch von Neuenburg,
Als jener Vorzeit Wundersiegel,
Einzig entzog der Geröllverschüttung!

Denn als sie hinschmolz, als sich die Erde neu
Sehnsüchtig aufthat, flutheten grauenvoll,
Dem Guß und Sturz der Wasser weichend,
Weg die Molassen als Löß ins Rheinthal!
Deß Zeuge warst du, herrlicher Kaiserstuhl,
Breisgaues Hochwart, sanfterer Sohn Vulcans!
Neun Linden schmücken jetzt das Haupt dir,
Schauend in spätere Paradiese.

Noch aber lehnt am feuergekochten Fels
Spätzeitger Flötzung, der sich zu Alpen hob,
Die Schaar von Gletschern, deren Rückzug
Zaudernd gereihet die Block-Moränen.
Hoch ragt die Jungfrau, welche der Kindheit noch
Stolz eingedenk stets weiße Gewänder trägt,
So gut als kurz vor ihrer Ankunft
Schwer sie getragen der Pathe Montblanc.

Sie, sammt dem Heerzug, Brüder und Schwestern all,
Wie stehn sie stumm da, hüllen sich ein in Eis!
Denn lauter als sie alle sprichst du,
Das sie bewohnt, o du kleines Schneehuhn!
Als nach dem Ausbruch dieser Gewaltigen
Hinsank des Frosts Reich, lebengeschwellte Natur
Der aus sich selbst erwärmten Erde
Kinder verlieh in erneuter Schöpfung:

Damals gebar euch, Zaubern der Möglichkeit
Rasch folgend Tellus, ward sich zuerst in euch,
Die ihr jetzt wohnt im Eis des Poles,
Wieder gewahr in der Macht des Lebens.
Nicht hätte nachher euch sie gebracht, da voll
Freihin der Strom floß derer die jetzo sind;
Vorgänger seid ihr aller Andern,
Athmetet sehnlich den ersten Frühling!

Nahrung genug bot Fluthengewimmel schon,
Neu hing am Fels auch freudiger Flechtenwuchs,
Genügsam, wie das edle Renn, das
Ahnte den Herrn, der es jetzt gezähmt hat!
Ihr wicht! Erfüllung wurde gewährt, und ganz,
Auf letzten Umsturz, siegte das Lebenreich;
Im alten und im neuen Baustyl
Wandelt das Volk der verjüngten Erde!

Ihr wicht! Der Schauplatz wurde zu warm, und fern
Wohnt ihr am Pol jetzt! Aber der Herrschende,
Der dann zuletzt erschienen, kennt euch!
Staunt der Geschichten, die ihr ihm kündet!

Neuchatel, 15.2.1837

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