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| Cornelia Rebholz

Brautkleid auf Reisen

Heute träumen Bräute meistens von einer Hochzeit in Weiß. Bis ins 20. Jahrhundert hinein dominierte bei Brautkleidern jedoch die Farbe Schwarz. Ein schwarzes Hochzeitsgewand von 1902 kam vor kurzem als Schenkung an die Reiss-Engelhorn-Museen. Bevor es seinen großen Auftritt in der Ausstellung „Belle Époque“ hat, geht es auf Reisen.

Das schwarze Brautkleid bei einer ersten Begutachtung im Atelier der Textilrestauratorin. © rem

Ein schlichter grauer Karton birgt den Neuzugang der kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen: ein schwarzes Brautkleid von 1902. Von der Textilrestauratorin fachkundig ausgepolstert und in mehrere Lagen Seidenpapier gehüllt reist es demnächst nach Köln. Ziel ist eine Restaurierungswerkstatt, die auf das Anfertigen von Figurinen spezialisiert ist. Aus Papiermaché erhält das Kleid ein maßgefertigtes Innenleben. Die optimale Montage ist bei der späteren Präsentation von großer Bedeutung, damit die über hundert Jahre alte Textilie keine unnötigen Falten wirft, so wenig Gewicht wie möglich nach unten zieht und das empfindliche Material belastet.

Hochzeit im Oktober 1902

Die Geschichte des schwarzen Brautkleids führt ins Jahr 1902 zurück. Im Oktober 1902 war der große Tag: Katharina Stolleis (1881-1960) heiratete in Neustadt an der Weinstraße den späteren  Justizobersekretär Jakob Gutzler (1877-1959). Das Paar hatte zwei Töchter. Von ihnen und den folgenden Generationen wurde das Hochzeitsgewand im Familienbesitz verwahrt. Die Urgroßtochter besuchte schließlich die Ausstellung „Belle Époque“ und entschied sich, das Kleid dem Museum zu schenken. Hier bereichert dieses seltene Zeitdokument die Kollektion an Kleidungsstücken aus der Epoche zwischen 1871 und 1914. Genau ein solches Modell hatte noch gefehlt.

Traum in Weiß nur für den Adel

Aus heutiger Sicht überrascht die Farbe des zweiteiligen Brautkleides. Das Oberteil und der bodenlange Rock samt Schleppe sind aus schwarzer Seide gearbeitet. Mit dieser Farbwahl entspricht das Kleid jedoch der Mode seiner Zeit. Im Laufe der Jahrhunderte unterlag die Brautmode immer wieder dem Wandel. Weiße Kreationen waren lange dem auf Repräsentation bedachten Adel vorbehalten. Gekrönte Häupter sorgten mit ihren opulenten hellen Roben für Aufsehen. Als frühestes Beispiel gilt das Hochzeitskleid, in dem Maria de Medici 1600 Heinrich IV. heiratete. Ebenfalls in Weiß traten 1840 die englische Königin Victoria und 1854 die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich vor den Traualtar. Beim Bürgertum und der ländlichen Bevölkerung dominierte jedoch noch bis ins 20. Jahrhundert das schwarze Brautkleid. Es symbolisierte die Frömmigkeit der jungfräulichen Braut. Außerdem hatte es auch wirtschaftliche und praktische Vorteile. Es ließ sich für weitere festliche Anlässe verwenden und konnte leichter gereinigt werden. Erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich Weiß bei der Brautmode in allen Bevölkerungsschichten durch.

Liebe zum Detail

Aber nicht nur die Farbe des Brautkleids sticht ins Auge, sondern auch ein Blick auf die Details lohnt sich. Das zweiteilige Kleid wurde von Hand genäht. Das langärmlige Oberteil hat eine betont schmale Taille, wobei neben den eingearbeiteten Stäbchen wahrscheinlich zusätzlich noch ein Korsett zum Einsatz kam. Auf der schwarzen Seide fallen kunstvolle jugendstilartige Rankenmuster auf. Entlang des Rocksaums ist eine feine Besenborte angebracht. Im Volksmund wurde diese Borte  „Straßenfeger“ genannt, denn sie sollte den direkten Kontakt mit dem Boden verhindern und das Kleid auf diese Weise vor Verschmutzung bewahren. 

Autorin: Kulturwissenschaftlerin Cornelia Rebholz hat in ihrer Kindheit viel Zeit in der Schneiderwerkstatt ihrer Mutter verbracht. Sie ist fasziniert von Stoffen und Schnitten.

Neugierig geworden?

Welche Kreationen für Damen und Herren um 1900 in Mode waren, erfahren Sie in der Ausstellung Belle Époque und in der Begleitpublikation.

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