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| Andreas Krock

Gesichter der Großstadt

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert trugen Bevölkerungszuwachs und Industrialisierung zu einer gewaltigen Expansion vieler Städte bei. Sie veränderten ihr Aussehen in raschem Tempo und Mannheim gehörte dazu. Seine prädestinierte Lage an zwei Flüssen sowie die Aufgeschlossenheit seiner Stadtväter für die Moderne machten es zu einer der bemerkenswerten Städte.

Alles war in Bewegung oder vom Wandel betroffen an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Viele historischen Foto- und Filmaufnahmen vom Leben in der Großstadt vermitteln bereits das Gefühl eines hektischen Zeitalters. Hier: Breite Straße in Mannheim Richtung Friedrichsbrücke (heute Kurpfalzbrücke). Am Paradeplatz rechts: Modehaus Kaufmann, P 1, 1, 1907 © Marchivum

Zwischen 1850 und 1907 im Jahr seines 300-jährigen Stadtjubiläums war die Einwohnerzahl um das Siebenfache auf ca. 150.000 angestiegen. 30.000 davon waren Arbeiter, und nur noch ca. die Hälfte der Einwohner stammte aus Mannheim. Wohnungsbau und Bauspekulation boomten in der Region, die einer riesigen Baustelle glich. An die zentrale Wasserversorgung und Kanalisation der Innenstadt schloss sich seit den 1880er Jahren eine umfangreiche Straßensanierung an. Die elektrische Straßenbahn ersetzte ab 1900 die seit 1878 verkehrende Pferdebahn. Durch eine Welle von Eingemeindungen der Vororte ab den 1890er Jahren vergrößerte sich die Stadtgemarkung auf über 10.000 ha und schuf die Voraussetzungen für ein modernes Großstadtbild.

Aufsteigendes Bürgertum

Industrie- und Firmenansiedelungen wie die Anfänge der BASF von Friedrich Engelhorn, die Landmaschinenfabrik von Heinrich Lanz sowie die Automobilwerkstatt von Carl Benz trugen ebenso dazu bei. Großzügige Stiftungen wie der Geschwister Carl und Anna Reiß förderten den Wohlstand der Region. Das Bürgertum emanzipierte sich, gründete Unternehmen und begründete Familiendynastien. Folgerichtig sprach man für Deutschland von der Gründerzeit. Als Auftraggeber sowie Mäzen des Kunst- und Kulturlebens löste das Großbürgertum den Adel zunehmend ab. Am Abend wurden Salonabende oder Soireen bzw. die Oper und Konzertsäle zu Treffpunkten der feinen Gesellschaft. Im Rosengarten und Nationaltheater traten international gefeierte Künstler auf wie die Schauspielerinnen Eleonora Duse und Sarah Bernhardt, der Opernsänger Francisco d’Andrade oder am Dirigentenpult der Komponist Gustav Mahler.

Flucht ins Vergnügen

Einem breiteren Publikum dienten Veranstaltungen der leichteren Muse als Alternative. Bei Urlaubszeiten von nur 3-6 Tagen pro Jahr, beengten Wohnverhältnissen und Arbeitszeiten von 9-10 Stunden pro Tag blieb am Abend oft nur die Flucht ins Vergnügen. Dem standen in Mannheim rund zehn Varietés wie das Mannheimer „Apollo“ als größtes und elegantestes in Süddeutschland zur Verfügung. Sie boten allabendlich große Namen: die von Toulouse-Lautrec häufig dargestellte Pariser Diseuse Yvette Guilbert, der Couplet-Sänger Otto Reuter, die Clowns Charlie Rivel und Grock, der Jongleur Enrico Rastelli sowie die Tänzerin und legendäre Kurtisane „La Belle Otéro“. Neben Köln, Frankfurt, Stuttgart und München stand Mannheim damals an der Spitze deutscher Vergnügungskultur.

Siegeszug des Kinos

Das Kino wurde allmählich zur Vergnügungsstätte der Massen und größten Konkurrenz der Varietétheater. Von Kritikern als „geistige Volksvergiftung großen Stils“ und „Orgie der Geschmackslosigkeit“ gescholten, startete der Film seit Ende des 19. Jahrhunderts von Jahrmarktsbuden in Vergnügungsparks aus seinen Siegeszug. Mit dem Union-Theater in P 6, 20 eröffnete 1906 das erste Kino in Mannheim. In den kommenden Jahren wurden immer mehr ehemalige Kleinkunstbühnen wie der „Saalbau“ in N 7, 7 sowie das „Colosseum“ als Vorläufer des heutigen „Capitols“ in der Neckarstadt zu Filmtheatern umgebaut. Bis 1930 zählte die Quadratestadt über 23 Kinos mit mehr als 12.000 Sitzplätzen.

Konsumtempel der Massen

Als weitere Freizeitvergnügungen wurden Wochenendausflüge mit der Bahn in die nähere Umgebung sowie das Schaufensterbummeln immer beliebter. Parallel zu prunkvollen öffentlichen Gebäuden entstanden die großen, prächtigen Warenhäuser wie in Mannheim „Kander“, „Schmoller“, „Wronker“ und „Rothschild“ sowie das Modehaus „Engelhorn & Sturm“. Als „Konsumtempel der Massen“ bzw. neue „Kathedralen des Bürgertums“ sollten sie nicht nur zum Kaufen animieren. Auch das Flanieren wurde zum sinnlichen Erlebnis, und die Quadratestadt erlebte ihren Beginn als Einkaufsmetropole.

Autor: Andreas Krock ist Kurator der Ausstellung „Belle Époque“. Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat es ihm besonders angetan: eine künstlerisch wie gesellschaftlich äußerst vielschichtige und bewegte Zeit, die für die Heimatstadt des gebürtigen Mannheimers eine goldene Ära war.

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Mehr über dieses atemberaubende Kapitel der Mannheimer Stadtgeschichte erfahren Sie in der Ausstellung Belle Époque und in der Begleitpublikation.

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