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| Stephanie Herrmann

Mit Carl und Anna Reiß durch Ägypten

Wenn etwas Carl und Anna Reiß verband, dann war es ihre unbändige Reiselust, die sie in zahlreichen Reisen rund um den Erdball führte. Vor allem Ägypten faszinierte die beiden Geschwister der bedeutenden Mannheimer Unternehmerfamilie. 1879 bereisten sie zum ersten Mal das Land der Pharaonen, ein zweiter Aufenthalt folgte 1895 im Zuge einer längeren Orientfahrt.

 

An der Pyramidenstraße, Pascal Sébah, um 1875. Die breite Chaussee der sogenannten „Pyramidenstraße“ führte ab der privaten Eisenbahnstation des Khediven in Kairo rund 15 Kilometer in schnurgerader Richtung auf die Pyramiden zu. Der letzte Streckenabschnitt stieg bis auf die Höhe des Felsplateaus von Gizeh an und endete 120 Meter vor der nordwestlichen Ecke der Cheopspyramide. © rem

Die Reiß'schen Reisen nach Ägypten standen noch ganz im Zeichen der altehrwürdigen „Grand Tour“. Im 19. Jahrhundert galt die große Welt- und Bildungsreise für die Mitglieder des gehobenen Bürgertums, zu dem die Mannheimer Familie unzweifelhaft gehörte, als Pflichtprogramm. Man bereiste die verschiedenen Weltgegenden und besuchte ihre bedeutenden historischen Stätten. Klassische Ziele waren Italien, Griechenland, das Heilige Land und vor allem eben Ägypten, denn die Pyramiden von Gizeh musste man mit eigenen Augen gesehen haben, wollte man als Bürger von Welt gelten.

Ägypten war als Destination im ausgehenden 19. Jahrhundert längst keine Neuentdeckung mehr. Auch Carl und Annas Reise war durch die allgemeine Orient- und Ägyptensehnsucht inspiriert, die bereits seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ganz Europa erfasst hatte. Der Ägyptenfeldzug Napoleons 1798-1801 und die Verbringung zahlreicher Schätze und Beutestücke nach Europa hatten seit 1815 eine regelrechte „Ägyptomanie“ in Europa wie auch weltweit ausgelöst. Die Öffnung des Sues-Kanals im November 1869 und die damit einhergehende infrastrukturelle Erschließung Ägyptens als zentraler Knotenpunkt auf dem Seeweg nach Asien trugen ihr Übriges dazu bei, das Land in den Fokus touristischen Interesses zu rücken.

Ägypten „All-Inclusive“

Es kam nicht von ungefähr, dass auch die erste durch die Reiseagentur von Thomas Cook (1808-1892) organisierte und kommerziell angebotene Ägyptenreise in das Jahr der Kanaleröffnung fiel. Schon 1841 hatte der umtriebige Unternehmer in seiner englischen Heimatstadt Leicester sein erstes Reisebüro eröffnet. Das Geschäftsmodell war so einfach wie genial: Cook bot einer zahlungskräftigen Kundschaft, die mehr und mehr dem neuen Typus des Vergnügungsreisenden entsprach, eine umfassende Reiseorganisation nach dem heutigen „All-Inclusive“-Modell.

Während sich erfahrene Reisende innerhalb Europas im ausgehenden 19. Jahrhundert längst eigenständig bewegten, bedurften Fernreisen nach wie vor einer – wie Thomas Cook es formulierte – „persönlichen Betreuung“, um gegen alle Gefahren und Unvorhergesehenes gewappnet zu sein. So leitete er seine nach intensiver Vorarbeit im Januar 1869 durchgeführte erste Ägyptenreise höchstpersönlich. Sie wird aufgrund ihrer Organisationsstruktur von der heutigen Reiseforschung als Prototyp der modernen Pauschalreise bezeichnet.

1870 erhielt die „Agentur Thomas Cook & Son“ vom damaligen ägyptischen Vizekönig, dem Khediven Ismail Pascha (1830-1895), das Monopol für die gesamte Nilpassagierschifffahrt. Cook unterhielt eine ganze Flotte von Dampfern, die nach regelmäßigem Fahrplan von Kairo ausgehend den Fluss stromaufwärts befuhren. Die modernen Dampfschiffe verkürzten die Fahrzeiten erheblich. Nilreisen, für die früher rund drei Monate kalkuliert werden mussten, konnten jetzt als Sightseeing-Tour in zwanzig Tagen absolviert werden.

Die ersten Touristen

Carl und Anna Reiß waren „Touristen“ im besten Sinne dieser sprachgeschichtlich noch relativ jungen Wortschöpfung, die sich seit den 1820er Jahren als Oberbegriff für Vergnügungsreisende etablierte hat. Ihre Reiseetappen konzentrierten sich auf die touristischen Hotspots, neben der Hauptstadt Kairo, mit ihren Moscheen und Basaren galt ihr Interesse vor allem dem rund fünf Kilometer entfernt liegenden Pyramidenfeld von Gizeh. Der Besuch des Plateaus mit seinen altägyptischen Königsgräbern, Pyramiden und Tempeln einschließlich der Sphinx und der Großen Pyramide war der unangefochtene Höhepunkt jeder Ägyptenreise.

Erinnerungen auf Papier – Die Fotografien der Ägyptenreisen

Insgesamt 171 Aufnahmen, hauchdünne Albuminabzüge mit dem charakteristischen, sepiafarbenen Grundton, haben Carl und Anna Reiß aus Ägypten in ihre Heimatstadt Mannheim mitgebracht, wo sie heute vom Forum Internationale Photographie betreut werden. Wie für Touristen damals üblich, haben auch sie ihre Erinnerungsfotos nicht selbst fotografiert, sondern in einem der zahlreichen kommerziellen Fotostudios gekauft. Nur zwei Aufnahmen sind aus der Hand anonymer Fotografen, die anderen Abzüge stammen sämtlich aus einem der zahlreichen Ateliers, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ägypten niedergelassen hatten, darunter so renommierte wie Namen Lékégian, Bonfils, Arnoux und Zangagki.

Autorin: Stephanie Herrmann ist Sammlungsleiterin des Forum Internationale Photographie. Die Kulturgeschichte des Reisens und die historische Reisefotografie des 19. Jahrhunderts zählen seit Studienzeiten zu ihren Forschungsschwerpunkten. Das detektivische Nachspüren vergangener Reisen anhand historischer Aufnahmen ist für die Fotohistorikerin ein besonders reizvoller Aspekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Neugierig geworden?

Mehr über die Sammlung historischer Reisefotografien erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Und wenn Sie selbst ins faszinierende Reich der Pharaonen reisen wollen - der Weg ist nicht weit: Gehen Sie auf eine Entdeckungstour in unserer Ausstellung Ägypten - Land der Unsterblichkeit.

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