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| Dr. Irmgard Siede

Was sind das für Heilige!

Märtyrerin mit Kanone und Heiliger mit modischem Schnabelschuh – Unserer heute weitgehend säkularen Welt ist kaum noch bekannt, dass die Kalender voll von Gedenktagen der Heiligen waren und sind. Kindern gab man die Namen der Tagesheiligen, um sie so in den Schutz und die Fürsprache der Heiligen zu geben. Dies führte dazu, dass Heilige bildlich dargestellt sein sollten. Daher wurden sie zu einem der wichtigsten Bildthemen der sakralen Kunst.

Den Rother Altar von 1513 schmücken fünf Heiligenfiguren, die man an ihren Attributen erkennen kann. © rem, Foto: Jean Christen

Bis heute ist die Feier der Namenstage besonders in katholischen Regionen verbreitet. Ursprünglich sind es die Tage, an denen der Täufling dem besonderen Schutz des Tagesheiligen anvertraut wurde. Empfing z.B. ein Anfang Dezember geborenes Mädchen am 4.12., dem Tag der hl. Barbara, die Taufe, so erhielt es den Namen der christlichen Märtyrerin Barbara und war damit der Fürsprache und dem besonderen Schutz der Heiligen anheim gegeben.

Früh bereits wanderten die Namen der Glaubenszeugen in die liturgischen Kalender. Personen, die aufgrund ihres christlichen Glaubens das Martyrium erlitten (Märtyrer) oder durch ein vorbildliches Leben Gott nahestanden (Heilige), sollten im Gedächtnis bleiben. Daher trug man ihre Sterbe- bzw. Gedenktage in Kalender ein. Im Laufe der Zeit füllten sich die Kalender; bereits im Mittelalter gab es oft mehrere Tagesheilige.

Heilige als Beschützer

Wurde eine Kirche neugegründet, so wurden ihr bei der Weihe oftmals Reliquien von Märtyrern übergeben. Diese wurden in frühester Zeit in kleinen Reliquiengräbern in den Altären - bisweilen in kostbaren Kästchen - versenkt. Ab dem hohen Mittelalter stellte man die Gebeine der Heiligen in einem Schrein auf den Altar. Die Reliquien (Knöchelchen, Überbleibsel) waren oft in edle Stoffe gewickelt, deren schöne Seite den Reliquien zugewandt war. Die Schreine zeigten gern die Vita des vorbildlichen Patrons. Oft waren es Goldschmiedearbeiten, so dass die Begebenheiten aus den Heiligenleben in überirdischem Glanz erstrahlten.

Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zum gemalten Altar bzw. dem geschnitzten Retabel mit gemalten Flügeln. Die Figuren im Schrein zeigen meist die Heiligen, auf die ein Altar oder eine Kirche geweiht war. Sie stehen oft vor Goldgrund. Gemalte Flügel veranschaulichten das heiligmäßige Leben dieser vorbildlichen und Gott nahe stehenden Personen.

Heilige als Schreinfiguren

Der Rother Altar ist ein sprechendes Beispiel für Schreine mit Schnitzfiguren von Heiligen. Zu erkennen sind in hierarchischer Abstufung Maria in der Mitte als Gottesmutter und Himmelskönigin, ihr kam ja auch stets eine ganz besondere Verehrung zu. Maria zur Rechten wird Katharina als Jungfrau mit dem Rad gezeigt, da sie durch Flechten auf ein Rad hingerichtet wurde. Maria zur Linken befindet sich die hl. Barbara mit dem Kelch als Attribut. Beide Jungfrauen folgen in ihrer Darstellung spätmittelalterlichen Mode- und Schönheitsidealen. Noch eine Stufe tiefer sind außen jeweils Sebastian und Johannes der Täufer auszumachen. Ihre Attribute sind die Pfeile bzw. das Lamm Gottes und das Fell.

In Entsprechung zu den in Stoffe gehüllten Heiligenpartikeln der hochmittelalterlichen Reliquienschreine stehen die Heiligen des Rother Altars vor einem kostbaren Tuch aus Goldbrokat. Wie die Reliquien eines Schreins nur bei ganz besonderen Festen gewiesen wurden, so wurden auch die Flügel des Rother Altars nur zu speziellen Anlässen geöffnet. Mit dem Rother Altar, der 1513 fertiggestellt wurde, war die Ära von Glaubenszeugen mit vorbildlichem Lebenswandel längst überschritten. Nun fungierten sie als Schutzpatrone insbesondere bei Seuchen und Krankheiten, und bekamen spezielle Attribute. Dabei erhielten die Viten und die Darstellungen oft volkstümliche Elemente. Alle diese Faktoren führten zu einer massenhaften Herstellung von Heiligendarstellungen.

Attribute der Heiligen

Ein schönes Beispiel für solch zahlreiche Patronate und eine Fülle an Attributen (Kelch, Turm, Schwert) stellt die hl. Barbara dar. Sie gilt als Schutzpatronin der Glöckner, Türmer, Waffenschmiede, Feuerwehrleute und derer, die ohne Sterbesakrament plötzlich der Tod ereilte, aber auch der Artillerie. Kanonen erhielten immer wieder den Namen der Heiligen – Barbara wird mit einer Kanone als Attribut dargestellt.

Bei der Neuaufstellung der Glaubensschätze im Museum Zeughaus, dem 1777/78 nach Plänen von Peter Anton von Verschaffelt für Kurfürst Carl Theodor errichteten Waffenlager, wurde daher der hl. Barbara gleichfalls eine Kanone zugeordnet.

Auch andere Heilige erhielten im späten Mittelalter oft zusätzliche Attribute, die wir heute nicht sofort mit einem christlichen Heiligen verbinden würden. So  wurde der hl. Gangolf, ein burgundischer Adliger, der Patron der Schuhmacher. Daher erhielt er in der Spätgotik den modischen Schnabelschuh als Attribut.

Autorin: Die Beschäftigung mit christlicher Kunst, von ihren Anfängen bis in die heutige Zeit, begleitet Dr. Irmgard Siede seit langem, zuletzt als Kuratorin der Ausstellung "Glaubensschätze“. Die Umsetzung von Glaubensinhalten in den verschiedenen künstlerischen Medien war über Jahrhunderte eine der größten Triebfedern von Kunst überhaupt.  

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