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| Stephanie Herrmann

9/11 – Der Tag, an dem die Welt stillstand

Vor 20 Jahren veränderte sich die Welt. Zwei Flugzeuge schlugen in das World Trade Center ein. Die Bilder der zusammenstürzenden Zwillingstürme haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Eine Fotografie aus den rem-Sammlungen zeigt New York vor der Katastrophe und wirkt doch wie eine böse Vorahnung.

© Hans Pieler, „New York“ (1989) a. d. Serie „StopOver“

Es war ein strahlend schöner Tag mit tiefblauem Himmel als am Morgen des 11. September 2001 um 8:46 Uhr New Yorker Ortszeit ein Flugzeug mit dem Nordturm der Zwillingstürme des World Trade Centers (WTC) kollidierte. Vielleicht ein Unfall? Ein vom Kurs abgekommenes Flugzeug?

Als nur 17 Minuten später – zu diesem Zeitpunkt schon vor den Augen der Welt – ein zweites Verkehrsflugzeug in den Südturm der Twin Towers einschlug, spekulierte niemand mehr. Spätestens jetzt war klar, dass es sich nicht um Unfälle, sondern um einen gezielten Terroranschlag handelt. Insgesamt entführten Terroristen vier Passagierflugzeuge, ein weiteres schlug in das Pentagon in Washington D.C. ein, das letzte verfehlte sein eigentliches Ziel und zerschellte nahe dem kleinen Ort Shanksville im US-Bundesstaat Pennsylvania am Boden. Fast 3.000 Menschen aus über 90 Nationen verloren an diesem Tag ihr Leben.

Bilder, die Geschichte schreiben

Vor allem die Bilder der in sich zusammenstürzenden Zwillingstürme haben sich dauerhaft in das kollektive Gedächtnis der westlichen Welt eingebrannt. Ähnlich wie die Ermordung John F. Kennedys oder der Fall der Berliner Mauer gehören die Anschläge des 11. Septembers in jene Kategorie von Weltereignissen, denen man unmittelbar und völlig spontan eine besondere Bedeutung zuschreibt. Man vergisst nie, wo man war und was man tat, als man von dem Geschehen erfuhr.

Und auch der Blick auf New York unterteilt sich seit diesem Tag in ein Davor und ein Danach. Über Jahrzehnte prägten die beiden markanten Türme des WTC die Skyline der Stadt, waren stolzes Symbol für die Weltmetropole New York City. Sie waren von überall sichtbar, auf allen Postkarten, in allen Filmen und auf mindestens jedem zweiten Touristenfoto.

New York – davor

Aus der Zeit davor – genauer gesagt aus dem Jahr 1989 – stammt auch die schlicht nach ihrem Entstehungsort benannte Aufnahme des Fotografen Hans Pieler. Die Fotografie ist Teil der Serie „StopOver“ mit Straßenfotografien von Pielers Weltreise in den Jahren 1988-1992.

Auf dem Oberdeck eines der Fährboote, die Manhattan mit dem Festland jenseits von East River und Hudson River verbinden, sitzen und stehen dichtgedrängt die Passagiere. Es ist ein heißer Sommertag, das verraten nicht nur der strahlend blaue Himmel, sondern auch die Shorts und Trägerhemden der Fahrgäste. Dass es sich um eine Momentaufnahme aus den späten 80er Jahren handelt, verrät nicht zuletzt der klobige Camcorder, den der Mann im Zentrum des Bildes geschultert hat, um die Fahrteindrücke auf Videokassette festzuhalten. Der Zeppelin, der im Hintergrund hörbar lautlos über der Skyline schwebt, wirkt mit heutigem Wissen wie ein Menetekel der zwölf Jahre später über die Stadt hereinbrechende Katastrophe.

Der Fotograf Hans Pieler

1951 in Braunschweig geboren, fand Pieler schon in jungen Jahren zur Fotografie. Erste fotografische Gehversuche machte er bereits mit 17. Mit 20 wurden einige seiner Bilder zum ersten Mal ausgestellt. Als Werbefotograf und Bildjournalist war er seit 1978 in Berlin tätig. Parallel zur angewandten Fotografie arbeitete er an freien Projekten, darunter viele konzeptionelle und thematisch angelegte Fotoserien wie jene 1984 entstandene Arbeit über die ehemalige Transitstrecke durch die DDR.

Die Straßenfotografie war immer von zentraler Bedeutung im künstlerischen Schaffen von Hans Pieler. Besonders faszinierte ihn deren Charakteristik wie er es im Begleittext des „StopOver“-Katalogs formuliert: „Straßenfotografie ist, jenen Moment festzuhalten, in dem der Zufall das Leben für den Bruchteil einer Sekunde zu einem Bild arrangiert. Der Alltag wird zur Kulisse, die Passanten werden zu Darstellern eines Theaterstücks, dessen Handlung wir nie erfahren werden.“

Seit 2002 war Hans Pieler als Professor für Fotografie an der Hildesheimer Fakultät für Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) tätig. In seiner letzten Forschungsarbeit im Sommersemester 2012 untersuchte Pieler den Einfluss des Zufalls in der Fotografie. Nach der theoretischen Auseinandersetzung und der Frage nach neuen Akzenten in der Fotografie ließ er sich auf einer mehrwöchigen Reise durch Deutschland fotografisch vom Zufall treiben. Es war Hans Pieler nicht vergönnt, diese Arbeiten zu vollenden. Er starb völlig unerwartet im Alter von 61 Jahren im Oktober 2012 während einer von ihm geleiteten Exkursion mit Studierenden auf Mallorca.

Autorin: Hans Pielers Fotografie „New York“ aus dem Jahr 1989 zählt heute zum Bestand der in den Reiss-Engelhorn-Museen betreuten Zeitgenössischen Helmut Gernsheim-Sammlung. Als Leiterin der fotografischen Sammlung findet es Stephanie Herrmann immer wieder spannend, Bilder in neuen zeitgeschichtlichen Kontexten zu betrachten. Ihr Dank für diesen Blog-Beitrag gilt vor allem Filip Rindler für die Unterstützung und Erteilung der Bildrechte zum Werk seines Vaters.

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