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| Stephanie Herrmann

Das ist ja wohl der Gipfel! – Touristen erklimmen die Cheops-Pyramide

Heute streng verboten, aber für Ägypten-Touristen im 19. Jahrhundert war die Besteigung der Cheops-Pyramide ein besonderer Höhepunkt. Ob auch Carl und Anna Reiß die Stufen erklommen haben, ist nicht überliefert. Das Mannheimer Geschwisterpaar zog es gleich zweimal an den Nil.

Touristen beim Aufstieg zur „Großen Pyramide“ (Cheops-Pyramide), Pascal Sébah, um 1875 // Für ein Bakschisch zogen und schoben einheimische Führer die Touristen die rund einen Meter hohen Steinquader hinauf. Damen wurde angeraten, neben angemessener Kleidung eine Fußbank mitzubringen, um die Stufenhöhe zu verringern. © rem

Wie viele gut betuchte Europäer, hat es sich auch das Mannheimer Geschwisterpaar Carl (1843-1914) und Anna Reiß (1836-1915) nicht nehmen lassen, die Monumentalbauten des Alten Ägypten höchst persönlich in Augenschein zu nehmen. Gleich zweimal zog es sie zu den Ufern des Nils. Einer ersten Reise 1879 folgte rund 15 Jahre später ein weiterer Aufenthalt. Man logierte in der Hauptstadt Kairo in einem der eleganten Grand Hotels und plante von hier seine Tagesfahrten zu den touristischen Sehenswürdigkeiten.

Von Kairo aus boten sich zahlreiche Ausflugsoptionen ins Umland an. Mit dem nur rund fünf Kilometer von der Hauptstadt entfernten Pyramidenfeld von Gizeh lag die touristische Hauptattraktion quasi „um die Ecke“. Eine breite, von Bäumen gesäumte Chaussee machte die eineinhalbstündige Kutschfahrt zu einem reinen Vergnügen. Wohl nur wenige Touristen werden auf die vor dem Bau der Chaussee übliche Anreise per Eselsritt zurückgegriffen haben, die der Baedeker-Reiseführer der Korrektheit halber noch als preiswerte Alternative zur Wahl stellte.

Touristische Attraktion vs. touristische Unsitte

In Gizeh angekommen, stellte sich allen schwindelfreien Touristen eine besondere Herausforderung: die Besteigung der Cheops-Pyramide. Mit einer Höhe von rund 140 Metern ist die Cheops-Pyramide die älteste und größte der drei Pyramiden von Gizeh und wird deshalb auch als „Große Pyramide“ bezeichnet. Einmal auf ihrer Spitze stehen und den Blick über die grandiose Landschaft schweifen zu lassen, dieser Wunsch spornte so viele Reisende dazu an, die großen Steinquader zu erklimmen. Die Beschreibung der Pyramidenbesteigung avancierte zu einem beliebten Topos in der zeitgenössischen Reiseliteratur. Für die vor Ort ansässigen Reiseagenturen wie „Thomas Cook & Son“ waren die Pyramidenbesteigungen ein lukratives Geschäft und obligatorischer Programmpunkt ihrer organisierten Orientfahrten.

Wie es an den Wänden der Pyramide zuging, schildert Anton Graf Prokesch in den Erinnerungen an seine Ägyptenreise 1874: „Man pflegt nur die Cheopspyramide zu besteigen, deren durch den Verlust der Spitze entstandene Platte einen günstigen Aussichtspunkt gewährt; diese ist in 10-15 Minuten bequem zu erreichen, doch darf man sich, um oben nicht athemlos anzukommen, nicht von den Führern drängen lassen, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, möglichst rasch hinaufzugelangen, [...]. Zwei Führer steigen voran und ziehen, indem jeder eine unserer Hände erfasst, der dritte folgt und schiebt nach; ein paar kurze Rasten unterwegs sind nicht bloß wohlthätig, sondern auch wichtig, damit wir den Eindruck des allmählichen Wachsens der Pyramide in uns aufnehmen können [...].“ (Nilfahrt bis zu den zweiten Katarakten, Anton Graf Prokesch, 1874)

Von „seriösen“ Reisenden wurden die Gruppen von geführten Touristen nicht selten verhöhnt und belächelt, wenn diese unter lauten Rufen, schwerfällig und mit Hilfe einheimischer Führer, Stufe für Stufe die Pyramiden erklommen und so die heiligen Stätten entweihten, denen sich der „wahre“ Reisende nur mit angemessenem Respekt und voller Demut näherte. Ob auch Carl und Anna Reiß letztendlich auf der Spitze der Cheops-Pyramide standen oder ob sie dem Treiben kopfschüttelnd zusahen, muss an dieser Stelle offenbleiben.

Angesichts ihrer großen Reiseerfahrung, die auf einem ernsthaften Interesse für die fremden Länder und Kulturen gründete, und auch vor dem Hintergrund ihrer in der Heimat stets gelebten sozialen und kulturellen Verantwortung darf die These gewagt werden, dass ihnen die Entweihung der Pyramiden nicht gefallen hat. Auf jeden Fall haben sie es sich nicht nehmen lassen, eine Fotografie, die das bunte Treiben an den Pyramiden dokumentiert, ihrem vor Ort erworbenen und rund 180 Albuminpapierabzüge zählenden Ägyptenkonvolut hinzuzufügen. Die Aufnahmen dieser Reise gehören heute zu den historischen Sammlungsbeständen des Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen, wo sie bewahrt, erforscht und in thematischen Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Autorin: Stephanie Herrmann ist Sammlungsleiterin des Forum Internationale Photographie. Die Kulturgeschichte des Reisens und die historische Reisefotografie des 19. Jahrhunderts zählen seit Studienzeiten zu ihren Forschungsschwerpunkten. Das detektivische Nachspüren vergangener Reisen anhand historischer Aufnahmen ist für die Fotohistorikerin ein besonders reizvoller Aspekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Neugierig geworden?

Mehr über die Sammlung historischer Reisefotografien erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Die Besteigung der Cheops-Pyramide und weitere Reisefotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert können Sie noch bis 4. Juli 2021 in der Sonderausstellung In 80 Bildern um die Welt zu bewundern.

Zur Schau gibt es zahlreiche digitale Angebote sowie einen reich bebilderten Katalog.

Und wenn Sie selbst ins faszinierende Reich der Pharaonen reisen wollen - der Weg ist nicht weit: Gehen Sie auf eine Entdeckungstour in unserer Ausstellung Ägypten - Land der Unsterblichkeit.

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