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| Andreas Krock

Der Bikini wird 75 – Bademode im Wandel der Zeit

Sommer, Sonne, Badewetter – der Bikini feiert seinen 75. Geburtstag. Bei seiner Vorstellung am 5. Juli 1946 provozierte er mit wenig Stoff und viel nackter Haut. Deutlich stoffreicher und weniger körperbetont stieg „frau" noch Anfang des 20. Jahrhunderts ins kühle Nass. Passend zum Geburtstag widmen wir uns der Bademode im Wandel der Zeit.

Noch weit entfernt vom freizügigen Bikini: Badeoberteil für die Frau zum Gürten in der Taille, Anfang 20. Jahrhundert. Die weißen Besätze orientieren sich am Matrosenstil. © rem

Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polkadot Bikini

Der Sänger dieses Zungenbrecher-Titels Brian Hyland wird 1943 geboren, als der Bikini „offiziell“ noch gar nicht erfunden ist. Dies ist erst drei Jahre später – heute vor 75 Jahren – der Fall. Doch während Caterina Valente in der deutschen Version den „Honolulu Strandbikini“ besingt, ist der US-Amerikaner im Song von 1960 vom Bikini mit gelben Punkten seiner Trägerin hin- und weggerissen.

Wie auch immer – Bei seiner erstmaligen Präsentation am 5. Juli 1946 sorgen die gerade einmal 190 Quadratzentimeter Stoff und etwas Schnur noch gehörig für Empörung in der Öffentlichkeit. Dabei waren ähnliche Zweiteiler bereits schon in der Antike üblich, wie u.a. die berühmten Fußbodenmosaiken aus dem 4. Jh. n. Chr. in der Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina auf Sizilien mit jungen Frauen beim Sport im bikini-ähnlichen Outfit belegen.

Schlägt ein wie eine Bombe

Der Bikini gilt 1946 als ähnlich provokant und skandalös wie die Atomwaffentests der Amerikaner auf dem Bikini-Atoll im Pazifik, nach dem der „kleinste Zweiteiler der Welt“ wenige Tage später benannt wird. Dies ist ganz im Sinne seines Erfinders und Wortschöpfers Louis Réard. Der Hauch von Stoff soll – vergleichbar mit den Versuchen auf der Mini-Insel – wie eine Bombe einschlagen, so der französische Maschinenbauingenieur bei Peugeot, der von seiner Mutter das Unterwäschegeschäft übernommen hat.

Der Widerstand, Bauchnabel und so viel nackte Haut zu zeigen, ist anfangs so groß, dass der Bademoden- und Wortschöpfer nicht einmal Models findet, die seine Kreation vorführen wollen. Folglich greift Réard mit Micheline Bernardini auf eine Tänzerin im Varietétheater „Casino de Paris“ zurück, die damit keine Probleme hat. In einem öffentlichen Pariser Freibad findet im Rahmen einer Misswahl die Premiere des Bikinis statt.

Bademode um 1900

Kaum zu glauben, dass sich noch eine Generation früher die Bademode weitaus stoffreicher und weniger körperbetont gab. Ein Beispiel ist das abgebildete Schwimmoberteil, zu dem ursprünglich noch eine pludrige Hose gehört haben dürfte, die bis zu den Knien reichte. Doch auch diese Schwimmanzüge waren bereits weitaus tragbarer als es noch im 19. Jahrhundert für Frauen üblich war. In der Regel ging „frau“ in Wolle ins Wasser, wobei der Saum unten mit Gewichten versehen war: nur, um zu verhindern, dass Frauenbeine durch den hochgespülten Stoff im Wasser sichtbar wurden. Umso gefährlicher war das Schwimmen in einer solchen Montur. Allerdings wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts sowieso meistens nur im flachen Wasser geplanscht.

Insofern stand der Bikini im Sinne seines Erfinders tatsächlich regelrecht für eine Befreiung der Frau und damit als Gegenstand einer Emanzipationsbewegung. Stars mit Sexappeal und Traummaßen wie Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Ursula Andress verhalfen ihm zu seiner Berühmtheit und machten ihn damit andererseits auch zum Symbol des allgegenwärtigen männlichen Blicks.

Autor: Andreas Krock ist als Sammlungsleiter u.a. für die Kostümsammlung zuständig. Aktuell beschäftigt er sich für eine geplante Präsentation mit dem Thema „Schiff Ahoi und Badespaß". Passend zur Belle-Époque-Ausstellung konzentriert er sich besonders auf die bewegte Zeit um 1900.

Neugierig geworden?

Ausgewählte Stücke aus unserer Kostümsammlung können Sie in der Ausstellung Belle Époque bewundern.

Gehen Sie mit Kurator Andreas Krock auf eine Video-Führung durch die Schau oder werfen Sie einen Blick in die Begleitpublikation.

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