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| Dr. Mathilde Grünewald

Der Gott aus dem Weinberg

Ein Gott im Weinberg – da möchte man an den weinseligen Gott Bacchus denken, aber hier haben wir den römischen Mercurius, griechisch Hermes, vor uns. Erfahren Sie mehr über die Geschichte eines besonderen Reliefs.

© rem, Foto: Lina Kaluza

Attribute des Götterboten

Der Gott Merkur wird immer nackt, allenfalls mit einem über die Schulter geworfenen Umhang, dargestellt. Dazu trägt er einen Flügelhut oder – wie hier – Flügel am Kopf, Flügel an den Schuhen und einen in Schlangenköpfen endenden Botenstab, den Caduceus (griechisch Kerykeion), denn er war auch als Götterbote unterwegs. In der rechten Hand hält er oft einen gefüllten Geldbeutel. Bei unserem Stein fehlt allerdings die untere Hälfte ab der Scham.

Über dem Kopf steht auf dem Rahmen die Widmung, die uns verrät, dass dem Merkur eine Kapelle mit dem Bildnis gestiftet wurde. Die erste Zeile lautet „In honorem domus divina“ – zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses – eine Formel, die als Loyalitätserklärung gegenüber dem Kaiserhaus im späten 2. Jahrhundert n. Chr. üblich wurde.

Geschichte des Reliefs

Interessant ist die Geschichte des Reliefs. Der Stein wurde 1863 dem Mannheimer Altertumsverein geschenkt. Gefunden hatte man ihn in Nierstein, aber nicht an der alten Straße, sondern auf der Höhe oberhalb in einem Wingert des Herdingschen, zuvor Dalbergschen, Weinguts. Ursula de Saint Martin, Tochter des Grafen de St. Martin (seit 1764 Direktor der Staatl. Lotterie in Mannheim), hatte den Generaladjutanten von Kurfürst Carl Theodor, Nikolaus Casimir Freiherr von Herding, geheiratet und später das Weingut (heute Rheinstraße 15) erworben, wo sie ein italienisch anmutendes Schlösschen errichten ließ. Zu ihrem Besitz gehörte auch die wohl älteste bekannte deutsche Weinlage, die „Niersteiner Glöck“ an der Kirche St. Kilian. Beide werden in einer Schenkungsurkunde vom Jahr 742 an das Bistum Würzburg genannt. Als der Stein mit Gott Merkur im Weinberg gefunden wurde, ließ Freifrau Ursula ihn vermutlich in ihrem Anwesen aufstellen. Sie verstarb 1849.

Gott der Händler

Seit 1769 übrigens wacht Merkur, der Gott der Händler (und der Diebe, Bankiers ...) über das Marktgeschehen in Mannheim. Von der Spitze des Marktbrunnens übersieht er alles! Ähnlich blickte Merkur in Nierstein über Weinberge auf den Rhein, der als Transportweg für Handelsgüter aller Art zu allen Zeiten stark genutzt wurde.

Autorin: Dr. Mathilde Grünewald war von 1980 bis 2012 Direktorin des Museums der Stadt Worms im Andreasstift. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie gerne für die rem und hat die Abteilung Römische Funde im Museum Weltkulturen eingerichtet.

Neugierig geworden?

Ein Hauch von Rom erwartet Sie in der Ausstellung "Versunkene Geschichte" im Museum Weltkulturen. Dort können Sie u.a. zahlreiche eindrucksvolle römische Steindenkmäler bewundern.

Erfahren Sie mehr über die Archäologische Denkmalpflege an den rem.

Lesetipps:

  • M. Grünewald: Ein Hauch von Rom. Schätze aus den Mannheimer Sammlungen. Regensburg 2016, erhältlich an der Museumskasse.
  • Die römischen Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen, Hg. J. Lipps, St. Ardeleanu, J. Osnabrügge, Chr. Witschel. Mannheimer Geschichtsblätter Sonderveröffentlichung 14, 2021
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