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| Stephanie Zesch

Die Porträtmumien August des Starken

Gemeinsam mit einem internationalen Team von Mumienforschern und Ägyptologen haben die Mannheimer Experten vom German Mummy Project jetzt erstmals zwei besondere Mumien umfassend untersucht. Die Porträtmumien wurden im 18. Jahrhundert von August dem Starken erworben und befinden sich heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie beindrucken nicht nur durch ihre äußerst kunstvoll dekorierten Mumientücher, sondern gelten auch als seltene Beispiele für die Mumifizierungstradition in spätrömischer Zeit (3.-4. Jh. n. Chr.) in der berühmten Totenstadt Sakkara.

Als Exponate der Skulpturensammlung bis 1800 werden die Porträtmumien seit Februar 2020 im Semperbau am Zwinger neu präsentiert © Skulpturensammlung, SKD, Fotos: H.-P. Klut / E. Estel

Der Wunsch der Menschen in einer jenseitigen Welt weiterzuleben, sorgenfrei und umgeben von Annehmlichkeiten, war der zentrale Gedanke des altägyptischen Totenglaubens. Gemäß den Jenseitsvorstellungen bedurfte es dafür einer Überführung des Verstorbenen in eine unsterbliche Wesensform – ähnlich der des Totengottes Osiris, der durch an ihm vollzogenen Riten wiederbelebt wurde und so den Tod überwinden konnte. Essentiell dafür waren das Bewahren der Unversehrtheit des Körpers und das Aufrechterhalten seiner Funktionen. Darauf zielten die umfänglichen Eingriffe am Leichnam, die zum Teil sehr aufwändigen Bestattungszeremonien und Totenkultriten am Grab ab. Je nach Region, Epoche, Status des Verstorbenen und den finanziellen Möglichkeiten der Angehörigen wurden die Körper mehr oder weniger aufwändig mumifiziert, umwickelt, durch Amulette und religiöse Texte magisch geschützt, mit Masken oder anderweitig dekoriert und schließlich bestattet. Nach dem Bestatten dienten regelmäßige Opfergaben der Versorgung im Jenseits und bewahrten auch das Gedenken an den Verstorbenen.

Prachtvolle Mumien mit Porträt

Eine besonders kunstvolle Form der Mumiendekoration – die Porträtmumie – brachte die römische Zeit zwischen 30 v. bis 395 n. Chr. in Ägypten hervor. Gemalt auf eine dünne Holzplatte oder direkt auf das Mumientuch blickt der Betrachter so in ein Gesicht des Verstorbenen, was eine genaue Vorstellung von ihm und besondere Nähe zu ihm ermöglicht. Zwei besonders edel dekorierte Beispiele dieses Mumientyps aus Sakkara befinden sich heute in der Skulpturensammlung bis 1800 der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Mumien eines Mannes und einer Frau sind zuoberst mit einem Mumientuch bedeckt. Die Tücher zeigen Ganzkörperdarstellungen der Verstorbenen, religiöse Motive und Symbole, auffallende geometrische und diverse pflanzliche Muster. Die Dekorationselemente entstammen griechisch-römischen wie auch ägyptischen Traditionen. Sie wurden zum Teil als plastische Verzierungen aufwändig aufgetragen, anschließend bemalt und vergoldet. Außer diesen beiden erhielt sich nur eine weitere Porträtmumie dieses Typs aus Sakkara.

Der Weg der Mumien an die Elbe

Der Italiener Pietro Della Valle befand sich auf einer mehrjährigen Pilgerreise durch den Orient, als er 1615 auch die Totenstadt Sakkara besuchte. Dort erwarb der vielseitig interessierte Mann die beiden eindrucksvollen, kürzlich von Einheimischen entdeckten Mumien und nahm sie mit nach Rom. Darüber gibt sein veröffentlichtes Reisetagebuch Auskunft. 1654 publizierte der berühmte Universalgelehrte und Jesuitenpater Athanasius Kircher in einem seiner Werke eine Illustration der Mumien. Heute gelten sie als erste Porträtmumien, die in Europa bekannt wurden. Nach dem Verkauf der Antikensammlung Della Valles verschwanden die Mumien für einige Jahrzehnte, bis sie Anfang des 18. Jahrhunderts in einer anderen Sammlung wiederauftauchten. Nach Dresden gelangten die Mumien letztlich über den Franzosen Baron Raymond Leplat, Generalinspekteur der königlichen Sächsischen Sammlungen. Er kaufte sie 1728 für die Sammlung Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen – besser bekannt als August der Starke – an. 1756 identifizierte der Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann die Mumien als diejenige aus Della Valles Reisebeschreibung und datierte sie in die römische Zeit.

Moderne Computertomografie lässt tief blicken

Nachdem die Mumien bereits zu DDR-Zeiten in Dresden geröntgt wurden, wurden sie anlässlich der Neupräsentation der Skulpturensammlung bis 1800 im Semperbau am Zwinger 2020 erstmals mit einem Computertomograph gescannt. Überraschend zeigten sich dabei Mumienbretter unter den Körpern, sowie Perlenschmuck, Siegel, Nägel und zwei Münzen oder Medaillons. Die Untersuchung ergab Rückschlüsse auf Erhaltung, Mumifizierungstechnik, Sterbealter, Größe, anatomische Besonderheiten und Krankheiten der Verstorbenen. Beide starben vergleichsweise jung, wobei die genaue Todesursache nicht ermittelt werden konnte. Nachgewiesen wurde, dass der 25-30-jährige Mann an Karies und die 30-40-jährige Frau an Arthritis im linken Kniegelenk litten. Die neuen Erkenntnisse sowie diejenigen zu einer weiteren Porträtmumie aus Sakkara, heute im Ägyptischen Museum in Kairo, wurden nun in einer internationalen Online-Fachzeitschrift veröffentlicht.

Autorin: Stephanie Zesch hat keine Angst vor dem Fluch der Pharaonen. Mumien aus Ägypten faszinieren die Anthropologin und Ägyptologin seit ihrer frühen Jugend. Das Erforschen der beiden Porträtmumien aus Dresden war für die gebürtige Sächsin eine besondere Freude.

Neugierig geworden?

Erfahren Sie mehr über die Arbeit des German Mummy Project. Seit 2004 ist es an den an den Reiss-Engelhorn-Museen beheimatet. Mit Hilfe modernster Methoden werden Mumien aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen ihre Geheimnisse entlockt.

Lesen Sie die komplette Studie zu den Porträtmumien aus Sakkara in der internationalen Online-Fachzeitschrift PLOS ONE.

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