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| Dr. Gabriele Pieke

Ein fast königliches Grab

Ein besonderes Highlight der Dauerausstellung „Ägypten – Land der Unsterblichkeit“ ist die originalgetreue Rekonstruktion der Sargkammer des Sennefer. Er lebte in der Zeit von Amenhotep II., der von 1428 bis 1397 v. Chr. regierte, und errichtete in Theben-West ein großes Grab mit einer sehr ungewöhnlich dekorierten Sargkammer.

Ein Publikumsliebling in der Ägypten-Ausstellung: Die originalgetreue Rekonstruktion der Sargkammer des Sennefer. © rem

Der Garten des Amun

Als „Bürgermeister der südlichen Stadt“ (Theben) war Sennefer einer der höchsten Würdeträger seiner Zeit. Als königlicher Beamter war er auch im Tempeldienst tätig und fungierte als Vorsteher der Felder, Rinderherden und Scheunen des Amun. Der Tempel von Karnak im heutigen Luxor war eines der bedeutendsten und größten Heiligtümer Ägyptens, das dem Amun-Re, dem „König der Götter“, geweiht war. In diesem Kontext war Sennefer auch als „Vorsteher der Gärten des Amun“ tätig und durch verschiedene Quellen wissen wir, dass er für den Bau eines neuen Tempelgartens in Karnak verantwortlich war.

Diese Aufgabe hatte offenbar eine so große Bedeutung für ihn, dass er dies in seinem Grab abbilden ließ. Die oberirdische Kapelle zeigt eine großformatige Darstellung des „Garten des Amun“, in dessen Zentrum ein prächtiger Weingarten steht. Gemalte Weinranken mit prallen Trauben schmücken zudem die Decken der beiden unterirdischen Kammern. Auch wenn sich Wein bereits seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. in Ägypten nachweisen lässt, so sind diese große Darstellung des Tempelgartens und die Weinranken an der Decke ganz einzigartige Elemente, die sich in keinem anderen Grab finden lassen.

Sennefers Grabanlage

Ägyptische Gräber sind üblicherweise zweigeteilt in eine oberirdische Kultkapelle, die dem Andenken und den Zeremonien diente. Die unterirdischen Sargkammern hingegen dienten der eigentlichen Bestattung. Dort wurden am Tag der Beerdigung der Sarg mit dem Toten und all seine Grabbeigaben abgelegt. Anders als die reich verzierten Kultkapellen sind die unterirdischen Bestattungsräume in der Regel nur grob aus dem Fels gehauen und ungeschmückt. In der 18. Dynastie – der Zeit des Sennefer – gibt es nur eine Handvoll Gräber, die dekorierte Sargkammern aufweisen. Zumeist handelt es sich bei dem Wandschmuck um religiöse Texte, die dem Schutz und dem Weiterleben des Verstorbenen dienten. Sennefers unterirdischer Grabbereich sticht hingegen heraus, da die Sargkammer vier Pfeiler aufweist und sowohl dieser Raum wie auch die Vorkammer mit figürlicher Dekoration versehen sind.

Architektur und Wandmalereien verweisen auf ein königliches Vorbild. Amenhotep II. ließ  wie schon seine Vorgänger ein Grab im Tal der Könige errichten. Die in den Fels gehauene Bestattungsanlage weist eine zentrale Sargkammer mit Pfeilern auf, die auf ihren Seiten den König vor verschiedenen Göttern zeigen. Amemophis II. tritt hier Osiris, Anubis und Hathor entgegen und auch Sennefer ließ sich in Anbetung dieser wichtigsten Totengötter abbilden. Ganz zweifellos wollte Sennefer ein Grab errichten, das dem Königsgrab ähnlich ist.

Besondere Familienverhältnisse

Die Nähe zum König und zum Tal der Könige verbindet sich ganz unmittelbar mit seiner Gemahlin Senetnai. Diese ist in zahlreichen Darstellungen der oberirdischen Kultkapelle zu sehen und wird dort als „seine Frau“, „Sängerin des Amun“ und „Herrin des Hauses“ bezeichnet. Ihr wichtigster Titel ist jedoch der einer „großen königliche Amme“, eine Tätigkeit, die sie ins engste persönliche Umfeld von Amenhotep II. rückt. Ihre ganz besondere Wertschätzung lässt sich auch daran ablesen, dass Senetnai ein ganz seltenes Privileg erhielt. Wie nur sehr wenige nicht-königliche Personen durfte sie sich im Tal der Könige bestatten lassen. Ihre Kanopen und Teile der Jenseitsausstattung wurden bereits 1899 in einem der dortigen Gräber gefunden.

Aus der Ehe zwischen Senetnai und Sennefer gingen mindestens zwei Töchter hervor, von denen Mutnofret – die „Milchschwester des  Herrn der beiden Länder“ – die ältere war. Wie ihre Mutter wurde sie eine „Sängerin des Amun“. Ein andere Kind – Nefertiry – verstarb laut einer Inschrift im Grab bereits in frühen Jahren. Der Name einer weiteren Tochter – „Mut-tuy“ – findet sich im Vorraum zur Sargkammer. Dies ist auch der einzige Ort der unterirdischen Anlage, der Sennetnai zeigt. In der eigentlichen Sargkammer sucht man sie vergebens. Die Pfeiler und Wände dieses Hauptraumes zeigen Sennefer mit einer anderen Frau, die den Namen Merit – „Geliebte“ – trägt. Die Forscher rätseln nach wie vor über die Identität der Merit. War sie die Schwester des Sennefer, eine andere Verwandte oder gar eine zweite Ehefrau? Und warum fehlt hier Senetnai? War sie bereits verstorben und im Tal der Könige prunkvoll bestattet als Sennefer seine Sargkammer bemalen ließ? Und hat daher jemand anderes ihren Platz eingenommen?

Diese und viele andere Fragen gilt es in den nächsten Jahren zu beantworten. Die Grabanlage des Sennefer ist noch immer ein Ort ägyptologischer Forschung, die von den Universitäten Liège und Brüssel durchgeführt wird. Die Reiss-Engelhorn-Museen sind schon seit 2013 Teil dieses Projekts und wir können hoffen, dass auch in den kommenden Jahren wieder viele spannende Erkenntnisse zu Sennefer und seiner Familie aus Ägypten mitgebracht werden.

Autorin: Dr. Gabriele Pieke ist wissenschaftliche Sammlungsleiterin der Abteilung Altägypten. Sie ist eine renommierte Expertin auf dem Gebiet der altägyptischen Kunstgeschichte. Seit langen Jahren gehören insbesondere nicht-königliche Grabanlagen aus der Zeit des Alten bis Neuen Reiches (3. – 2. Jahrtausend v. Chr.) zu ihren Forschungsschwerpunkten. Sie hat zahlreiche Ausstellungen kuratiert und ist seit vielen Jahren in internationale Forschungsprojekte eingebunden.

Neugierig geworden?

Bestaunen Sie die Sargkammer des Sennfers mit eigenen Augen. Eine originalgetreue Rekonstruktion erwartet Sie in der Ausstellung Ägypten - Land der Unsterblichkeit.

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