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| Dr. Klaus Wirth und Dr. Gabriele Pieke

Eine mittelalterliche Burg in Mannheim-Sandhofen

Die rem-Archäologen legen bei Grabungen außergewöhnliche Zeugnisse der Vergangenheit frei. So stießen sie in Mannheim-Sandhofen auf Spuren einer mittelalterlichen Burganlage. Die Funde und das Studium von Schriftquellen verraten mehr über die Geschichte des Stadtteils.

Grabungsfläche in der Groß-Gerauer-Straße: Eine Grubenanlage zeichnet sich durch unterschiedliche Erdschichten deutlich ab. © rem, Archäologische Denkmalpflege

Die an den Reiss-Engelhorn-Museen angesiedelte Archäologische Denkmalpflege hat den gesetzlichen Auftrag, möglichst viele im Boden liegende Informationen zur Geschichte der Stadt Mannheim und ihres Umlandes zu dokumentieren und damit als historische Wissensquelle nutzbar zu machen. Die archäologische Begleitung von laufenden Bauvorhaben spielt hierbei eine große Rolle. Da oftmals die dort gemachten Befunde nicht dauerhaft bewahrt werden können, ist ihre sorgfältige Dokumentation und Interpretation umso wichtiger.

Burganlage in Sandhofen

Im Rahmen der Erschließung eines Neubaugebiets in Mannheim-Sandhofen konnten seit 2010 wichtige Informationen zur ehemaligen Besiedlung rund um den Werner-Nagel-Ring und die Groß-Gerauer-Straße zusammengetragen werden. Die punktuellen, baubegleitenden Ausgrabungen erbrachten den Nachweis einer bisher unbekannten, hochmittelalterlichen Niederungsburg, die einst als Holz-Erde-Konstruktion isoliert im Gelände stand.

Die Anlage hat eine Größe von 51 x 45 m und bestand aus einer Kernburg sowie einem Vorburggelände. Das Hauptgebäude der Burg war von einem kreisförmigen Graben von ca. 4,6 m Breite umgeben. Zudem konnte eine zentrale, steilwandige Grube (5,1 x 4 m) von über 2 Meter Tiefe ermittelt werden, wobei offen bleibt, ob sie als Brunnen oder zur Bevorratung von Lebensmitteln diente.

Burgtyp "Motte"

Bei der Anlage handelte es sich um eine sogenannte „Motte“, einen mittelalterlichen Burgtyp, der aus einem künstlich angelegten Erdhügel mit einem meist turmförmigen Gebäude besteht. Die Verteilung menschlicher Skelettreste und von Eisenfunden deuten darauf hin, dass zum Bau Erdmaterial von einem in der Nähe liegenden Gräberfeld zum Burgareal transportiert wurde, um dort ein Plateau zu schaffen. Dieses bestand wohl einst aus feinem Sand, der mit Partikeln von rotbraunem Schluff durchsetzt und deswegen sehr hart war, und nicht aus dem hellen, kiesigen Rheinsand, in den der Graben eingetieft wurde. Dieser wäre für eine bebaute Aufschüttung ohnehin sehr instabil gewesen.

Insgesamt erlauben archäologische Strukturen die Rekonstruktion eines mindestens 2,5 m hohen Hügels mit einer bebaubaren Fläche von ca. 10 m Durchmesser. Der Platz reichte aus, um ein quadratisches Haus oder einen Turm zu errichten. Denkbar wäre hierbei entweder ein Gebäude in Fachwerktechnik oder ein eingetiefter Bau auf Stelzen. Gehen wir vom heutigen Geländeniveau (93,8 m üNN) aus, so wäre ein auf dem kleinen Hügel errichtetes Gebäude in der relativ flachen Rheinebene weithin sichtbar gewesen.

Neben dieser Kernanlage konnten auch Zeugnisse einer sogenannten Vorburg gefunden werden. Etwa 20 m südwestlich der kreisförmigen Kernanlage liegen zwei weitere, parallel von Ost nach West laufende Gräben von ca. 5 m Breite. In direkter Nähe befindliche Siedlungsgruben können in das Mittelalter datiert werden. Das wenige Fundmaterial aus der Verfüllung der Gräben datiert diese und damit die Aufgabe der Burganlage ins Hochmittelalter (11./12. Jahrhundert).

Leider kennen wir weder den Erbauer der kleinen Burganlage noch ihre genaue Funktion. Sehr wahrscheinlich waren ihre Besitzer Grundherren, die über das umliegende Land und die dort ansässigen Bauern verfügten.

Mittelalterliche Chroniken

Mittelalterliche Chroniken überliefern uns für den Raum Sandhofen verschiedene Siedlungen. So nennt der Lorscher Codex Schenkungen an eine Ortschaft namens Scarra, von der sich wohl der Name der heutigen Gemeinde Scharhof (nördlich von Sandhofen) ableitet. Mehrfach werden in den Chroniken Steinhäuser erwähnt, die als Indiz für die Existenz einer Art Burg gelten. Auch Luftbildaufnahmen aus den 1990er Jahren bezeugen umfangreiche Siedlungsbefunde und unterstreichen die historische Bedeutung der Ortschaft. Die Bilder lassen u.a. einen Kreisgraben erkennen, der wohl auf eine zweite Burganlage schließen lässt.

In direkter Nachbarschaft zu Scarra nennen Schriftquellen aus dem Jahr 1203 den Ort Gerolvesheim, der später als Geroldisheim bezeichnet wird. Forscher ziehen als Standort für diese Siedlung u.a. auch das Neubaugebiet Sandhofen-Nord mit der dort entdeckte Burg in Betracht. Eventuell ließe sich der Ort an der heutigen Ausgasse in Sandhofen lokalisieren, wenn man nicht einen der zahlreichen Siedlungsplätze um Scarra herum mit Geroldisheim identifizieren will.

Sandhofen selber wird als Sunthove (Südhof) erstmalig im Jahr 888 und ein zweites Mal im Jahr 900 im Lorscher Codex erwähnt. Die frühmittelalterliche Besiedlung Sandhofens beginnt nach Bodenfunden und einem Gräberfeld in der Spinnereistraße im 7. Jahrhundert. Die heutige Evangelische Dreifaltigkeitskirche geht auf eine 1496 geweihte Kapelle zurück, in deren Bereich 2015 auch Gruben und Planierschichten aus dem Hoch- und Spätmittelalter gefunden wurden. Ein weiteres Gräberfeld mit etwa 350 bis 360 Bestattungen aus dem 6. bis 7. Jahrhundert liegt im Norden von Sandhofen. Die zugehörige Siedlung wird ca. 200 m südlich im Bereich von Werner-Nagel-Ring und  Groß-Gerauer-Straße und damit im Bereich der jetzt neu gefundenen Burganlage vermutet.

Autor: Dr. Klaus Wirth ist der Leiter der Abteilung Archäologische Denkmalpflege und Sammlungen der rem. Dr. Gabriele Pieke arbeitet als Kuratorin in der Abteilung Archäologische Denkmalpflege und betreut die Sammlung Altägypten.

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