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| Prof. Dr. Claude W. Sui

„J. R. 5-9-70” (1970) von Robert Häusser

Vor 50 Jahren raste Formel-1-Legende Jochen Rindt beim Training in Monza in den Tod. Wenige Wochen zuvor hatte Robert Häusser dessen Rennwagen abgelichtet. Das Foto des verhüllten Fahrzeugs wurde zur Bildikone und zu einem eindrucksvollen Memento mori.

Bildikone und Mahnmal: Robert Häussers „J. R. 5-9-70” aus dem Jahr 1970 © Robert Häusser – Robert-Häusser-Archiv/Curt-Engelhorn-Stiftung, Mannheim

„Wie ein böses lauerndes Tier“

Robert Häusser bekam den Auftrag eine Reportage über den Hockenheimer Ring zu fotografieren. Als er dort ankam, stand auf dem Gelände dieser verpackte Rennwagen „wie ein böses lauerndes Tier“. So beschrieb Häusser diesen ersten Eindruck. Er versuchte mit seiner Kamera, diesen Lotus zu bändigen. Nachdem er endlich Ausschnitt, Licht und den entscheidenden Moment gefunden hatte, war er anschließend innerlich so leer und erschöpft, dass er daraufhin die Reportage sein ließ und nach Hause fuhr.

Häussers Bild wird zur fotografischen Ikone des 20. Jahrhunderts

Dieses Foto wurde Häussers bekanntestes Bild und zu einer fotografischen Ikone des 20. Jahrhunderts.

Als eine Todesmetapher kann der verhüllte Rennwagen des Rennfahrers Jochen Rindt gelten, der am 5.9.1970 beim Training in Monza ums Leben kam. Einem Epitaph gleich heißt der Titel des Bildes ”J. R. 5-9-70“. Der verhüllte Rennwagen in dunkelgrauer Plane ist frontal und symmetrisch ins Bild gesetzt und steht auf einem knochenweißen Betonpflaster. Harte Schattenkonturen des Wagens zeichnen sich darauf ab, womit ein Gegengewicht zu der symmetrischen Anordnung des Wagens geschaffen wird. Ein Spiel von Falten und straff gespanntem Stoff bestimmt die Abdeckplane, die zusätzlich durch helle Lichtzonen belebt wird. In einem leeren und undefinierbaren Raum, in dem der Horizont nicht auszumachen ist, steht der Rennwagen wie ein Monument und füllt das Querformat der gesamten Bildfläche aus. Die Räder und der aerodynamische Zuschnitt der langgestreckten Karosserie sind nur in groben Konturen unter der Tuchplane erkennbar.

Der Rennwagen als Todesmetapher

Das Fahrzeug wird zu einem Memento mori, da seine technische Leistungsfähigkeit in Fortbewegung und Geschwindigkeit stillgelegt und sein Rumpf wie in ein Leichentuch gehüllt erscheint. Die pathetische Verherrlichung des Maschinenzeitalters, des Dynamismus und technischen Fortschritts durch die Futuristen, nach deren Motto ein Rennwagen viel schöner sei als die Nike von Samothrake, erfährt hier eine brutale Ernüchterung. Die Hybris wie Ikarus oder Euphorion immer höher fliegen und die den Menschen auferlegten Gesetze durchbrechen zu wollen, wird durch den Tod zunichte gemacht. Der Rennwagen, der zum Werkzeug einer Todesfahrt wurde, wirkt selbst wie ein Leichnam, abgestellt in einem Nirgendwo. Das Objekt bekommt einen sepulkralen Charakter und wird Mahnmal für die Hybris des Menschen. Durch das nicht Vorhandensein räumlicher oder topografischer Bezüge werden Fragen an die Existenz und an den unausweichlichen Tod gestellt.

Häussers Bild wird zum Sinnbild, tiefgründig, hintergründig.

Der handschriftliche Vermerk des Fotografen macht den in den Sammlungen des Forum Internationale Photographie bewahrten Abzug zu einem besonderen Kunst- und Zeitdokument. Häusser notierte damals: „Das Auto mit dem Jochen Rindt einige Wochen später tödlich verunglückte“.

Robert Häusser – Pionier der Klassischen Moderne

Die Arbeiten Häussers sprechen oft von Melancholie, Einsamkeit und Vergänglichkeit. Das Trauma des Leidens seiner Familie in der Zeit des Nationalsozialismus findet in vielen seiner Arbeiten einen bildnerischen Niederschlag.

Für Robert Häusser (1924 - 2013) war die Fotografie ein künstlerisches Medium, bei dem Inhalt und Form sich wechselseitig bedingen. Seine Bilder spekulieren nicht auf vordergründige Effekte und schnellen Konsum, sondern fordern vom Betrachter eine kontemplative Annäherung, um ihren existenziell-philosophischen Gehalt zu erschließen.

Sein gesamter fotografischer Nachlass wie auch sein komplettes Archiv befinden sich seit 2002 in den Reiss-Engelhorn-Museen und werden dort vom Forum Internationale Photographie (FIP) verwaltet. 

Autor: Professor Dr. Claude W. Sui verwaltet das Robert-Häusser-Archiv und schrieb seine Dissertation über das Werk des Künstlers, der ihm gleichzeitig väterlicher Freund und Impulsgeber war.An dessen Arbeiten schätzt Sui die Tiefe und Vielschichtigkeit.

Neugierig geworden?

Mehr über Robert Häusser und sein Werk erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Reisefotografien von Robert Häusser sind aktuell in der Sonderausstellung In 80 Bildern um die Welt zu sehen.

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