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| Magdalena Pfeifenroth

Karl Friedrich Schimpers Ode an die Eiszeit – Wenn Dichtung die Welt aus den Angeln hebt

In Standard-Werken deutscher Literaturgeschichte sucht man ihn vergeblich – die Rede ist von Karl Friedrich Schimper, dem Mann, der den Begriff „Eiszeit“ prägte. 1803 erblickte er in Mannheim das Licht der Welt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1867 war er als Naturwissenschaftler vor allem auf den Gebieten der Botanik und Geologie tätig. Seinen Zeitgenossen war er jedoch auch als Dichter bekannt. So nahm er seine unzähligen Natur-Beobachtungen zum Anlass, um seine Gedanken bis hin zu wissenschaftlich-revolutionären Thesen und Ideen in wortgewandte Lehrgedichte zu bannen. Systematische wissenschaftliche Abhandlungen waren hingegen nicht seine Stärke. Und so verwundert es nicht, dass sich der ein oder andere Studienfreund diese Schwäche zum Nutzen machte.

Gedicht „Eiszeit“ veröffentlicht in der „Neuen Badischen Landeszeitung“ und als fliegendes Blatt verbreitet. Ein Exemplar zählt zum Bestand der Bibliothek der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Rechts: Porträt von Karl Friedrich Schimper 1866. Stich von C. Geyer. © rem

Schimpers literarisches Schaffen ist insbesondere in zwei Lyrikbändchen überliefert, die in den Jahren 1840 und 1847 erschienen sind. Sie umfassen Gedichte, in denen er seinen persönlichen aber auch wissenschaftlichen Erfahrungen poetischen Ausdruck verleiht. Wenn auch für den heutigen Lesegeschmack vieles ungewohnt klingt, so lohnt der Blick auf sein künstlerisches Schaffen. Voller Einfallsreichtum, Witz und Ironie geraten auch heutige Leser ins Schmunzeln.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Sonderausstellung „Eiszeit-Safari“ in den Reiss-Engelhorn-Museen sei anlässlich des Welttags der Poesie am 21. März an dieser Stelle an eine spannende Begebenheit erinnert, in der Dichtung eine ganz besondere Rolle spielt.

Schimper stellt alles bisher Bekannte auf den Kopf

Bei einer Versammlung Schweizer Naturforscher im Jahr 1837 in Neuchâtel veröffentlicht Schimper eine Ode mit dem Titel „Die Eiszeit“. Ideenreich und wortgewandt entwirft er darin ein bisher noch nicht bekanntes Bild der eiszeitlichen  Lebenswelt, das die Forschungswelt aus den Angeln heben wird. So sinniert er  beispielsweise gleich zu Beginn darüber, dass die Heimat des Eisbären nicht immer der arktische Nordpol gewesen sein könnte:

„Wohn’st hingedrängt dort [am Nordpol] lange bereits, doch eins war deine Heimath näher bei uns! Es war vielleicht das Urland deiner Schöpfung, winterbedeckt noch, das Herz Europas.“

In guter handwerklicher Dichtertradition bedient er sich antiker Stilmittel, um seinem Publikum im feierlichen Tenor einer Ode seine neuen, revolutionären Gedanken über die Erdzeitalter zu präsentieren. Schimper stellte mit seinen Ansichten zur Entwicklung von Kalt- und Warmzeiten, zur Veränderung von Flora und Fauna und der Entstehung der Gebirge alles bisher Bekannte auf den Kopf.

Verrat eines Studienfreundes

Seinem Freund aus Studientagen – dem schweizerischen Naturforscher Louis Agassiz – war das mehr als bewusst. Er nutzte die Schwäche seines Freundes, der dafür bekannt war, wertvolle naturwissenschaftliche Beobachtungen anzusammeln, ohne sie je zu publizieren. Und so machte sich Agassiz Schimpers Überlegungen zu Eigen und veröffentlichte die Thesen seines Freundes in der Fachwelt unter seinem eigenen Namen. Schimper tobte und mit der Freundschaft war es dahin. Die Folgen dieses Streits manifestieren sich jedoch bis heute in den Nachschlagewerken und digitalen Enzyklopädien, in denen Agassiz zumeist und ungerechterweise als alleiniger Entdecker und Begründer der Eiszeit-Theorie geführt wird.

Aus der Zeit gefallen

Doch darf man Schimper als unbedarft oder naiv abstempeln? Eigentlich nicht. Mit seinem Selbstverständnis als Naturphilosoph mit universalem Anspruch passt er schlichtweg nicht in seine Zeit. Einer Zeit, in der Wissenschaft und Bildungswesen von einem emanzipierten aufstrebenden Bürgertum geprägt sind und sich Spezialwissenschaften etablieren, die Universalgelehrte als Dilettanten in den Hintergrund drängen. Die Poesie als Mittel, um wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum vielleicht sogar auf unterhaltsame und verständliche Weise zu vermitteln, hat in einem solchen Umfeld keine Durchsetzungskraft. Heute ist die Trennung von Fachliteratur und Schöner Literatur unumstritten. Schade eigentlich. Wer hätte schon etwas dagegen, neueste Forschungserkenntnisse auf verständliche, unterhaltsame und spannende Weise präsentiert zu bekommen?

„Eiszeit-Safari in Mannheim

Zum Glück gibt es die Museen. In abwechslungsreichen Ausstellungen können sie Kunst- und Kulturschätze in Verbindung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auf verständliche, unterhaltsame und spielerische Art und Weise präsentieren. Auch die „Eiszeit-Safari“ hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten… Und so dürfen wir uns auf die Begegnung mit Mammut, Wollnashorn und Höhlenbär freuen und Schimpers Spuren folgend die eizeitliche Lebenswelt der frühen Menschen entdecken. Natürlich wird auch das Gedicht „Eiszeit“ im Original als Flugblatt zu sehen sein.  

Autorin: Literaturwissenschaftlerin Magdalena Pfeifenroth sucht vergeblich nach Schimper in den Standard-Werken deutscher Literaturgeschichte und freut sich um so mehr, diese schillernde Persönlichkeit anlässlich des „Welttags der Poesie“ als dichtenden Universalgelehrten in Erinnerung rufen zu dürfen.

Neugierig geworden?

Interessierte Poetik-Fans finden Schimpers‘ Ode an „Die Eiszeit“ hier.

Das Original können Sie vom 18.4.2021 bis 13.2.2022 in der Ausstellung Eiszeit-Safari bewundern. In wissenschaftlicher Tradition veröffentlichen unsere Forscher ihre Ergebnisse nicht nur in international renommierten Fachpublikationen, sondern vermitteln – ganz im Geiste Schimpers – wissenschaftliche Erkenntnisse in der Erlebnisausstellung auf spannend und unterhaltsame Weise.

Buchtipp: Karl Friedrich Schimper. Lyrik und Lehrgedichte, herausgegeben von Wilhelm Kühlmann und Hermann Wiegand im verlag regionalkultur

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