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| Stephanie Herrmann

Mit dem Knie gedacht – Joseph Beuys zum 100. Geburtstag

Joseph Beuys feiert 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass schauen wir uns eine Fotografie aus den rem-Sammlungen genauer an. Was verraten die Atelieraufnahme und die Erinnerungen des Fotografen Pino Guidolotti über die Künstlerpersönlichkeit Beuys?

Joseph Beuys in seinem Atelier in Düsseldorf, aufgenommen 1978 von Pino Guidolotti © Pino Guidolotti

Joseph Beuys gilt als ein Hauptvertreter der Kunst des 20. Jahrhunderts. Am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren und in Kleve aufgewachsen, studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ewald Mataré, dessen Meisterschüler er 1951 wurde. 1961 berief ihn die renommierte Kunstakademie zum Professor. Vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren war Beuys eine der wichtigsten international agierenden Künstlerpersönlichkeiten. Sein umfangreiches Werk reicht von traditionellen Formen künstlerischer Darstellung wie Zeichnung, Malerei und Plastik über Multiples und große Installationen bis hin zu Happenings, Aktionen im öffentlichen Raum sowie sozialpolitischen Aktivitäten. Vor allem mit Letzteren verfolgte er das von ihm propagierte Konzept eines Erweiterten Kunstbegriffs und einer Sozialen Plastik, unter der er eine kreative Mitgestaltung an der Gesellschaft durch die Kunst verstand.

Beuys polarisiert

Beuys polarisierte nicht nur durch seine Kunst, sondern gleichermaßen als Person. Während ihn seine schärfsten Kritiker als Scharlatan und esoterisch verblendeten Phantasten niederschrie(be)n, feierten ihn seine Anhänger als Universalgenie. Vor allem seine Vorliebe für ungewöhnliche künstlerische Werkstoffe – allen voran Fett und Filz – sorgte nicht selten für Irrungen und Wirrungen.

Einen medienwirksamen Eklat über die Frage „Was ist Kunst?“ entfachte etwa die Zerstörung von Beuys‘ „Fettecke“, die er in seinem Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie installiert hatte und die postum 1986 von einer eifrigen Reinigungskraft, die das aus 5 Kilogramm „Winterbutter“ (mit Salz haltbar gemacht) bestehende Fett-Dreieck nicht als Kunstwerk erkannt hatte, entfernt wurde. Nicht weniger kontrovers wurde bereits 1973 die ebenfalls aufgrund nicht erkannter künstlerischer Qualitäten erfolgte Zerstörung eines weiteren Kunstobjektes von Beuys – seine mit Pflastern, Mullbinden und Fett umgestaltete Badewanne – von der Öffentlichkeit diskutiert. Beide Fälle landeten schließlich vor dem Düsseldorfer Landgericht und führten zu Schadensersatzzahlungen.

Nicht ohne Hut

So spektakulär und mannigfaltig Beuys künstlerische Äußerungen waren, so unaufgeregt war sein äußerliches Auftreten. Beinahe immer gleich gekleidet in Jeans, weißem Hemd und beiger Anglerweste wurde dieser Look geradezu zu seiner Uniform. Das wichtigste Markenzeichen war allerdings der Filzhut, den Beuys selbst in Innenräumen und den eigenen vier Wänden nicht absetzte.

Atelier-Besuch

Auch beim Shooting mit dem 1947 in Verona geborenen Fotografen Pino Guidolotti blieb der Hut auf. Guidolotti hat Beuys erstmalig 1978 in dessen damaligen Atelier am Drakeplatz 4 in Düsseldorf-Oberkassel, in dem der Künstler mit seiner Frau und den beiden Kindern lebte und arbeitete, fotografiert. An sein erstes Aufeinandertreffen erinnert sich der Fotograf noch lebhaft. Sehr zur Überraschung Guidolottis stellte sich Beuys höchstpersönlich an den Herd und beköstige seinen Gast während des Fotoshootings mit einem frisch zubereiteten Gemüseeintopf.

Die ungezwungene Atmosphäre spiegelt sich in Guidolottis Aufnahme wider. Schnappschussartig rauscht Beuys unscharf durch das Bild, in der linken Hand eine brennende Zigarette haltend. Sein Gesicht liegt, verdeckt durch seinen Hut und das rückwärtig durch die bodentiefen Fenster einfallende Tageslicht, im Halbschatten. Im Hintergrund gibt eine halbgeöffnete Schranktür den Blick frei auf gestapeltes Geschirr und diverse Küchenutensilien. Dass es sich bei Beuys Atelier trotz Betonboden und Funktionsmobiliar nicht nur um einen Arbeits-, sondern vielmehr um einen Lebensraum handelt, bezeugen auch die offene Weinflasche auf dem Boden und die Ansammlung von Fahrrädern – ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel des Künstlers.

Es sollte nicht das letzte Treffen zwischen dem deutschen Universalkünstler und dem italienischen Fotografen sein. Guidolotti, der sich – angeregt durch seine enge Freundschaft zu dem progressiven Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich – in seinem weiteren Werk intensiv mit der fotografischen Dokumentation von skulpturalem und architektonischem Kulturerbe wie den Palladio-Villen auseinandergesetzt hat, dokumentierte in den Folgejahren Beuys‘ Leben und Schaffen weitere Male in Düsseldorf wie auch in Luzern.

Menschen den Spiegel vorhalten

Am 23. Januar 1986 verstarb Beuys in seinem Atelier am Drakeplatz mit 64 Jahren an Herzversagen. Wie kein anderer verstand er es, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Nicht voller Unmut, sondern angertrieben von seiner Überzeugung, durch das künstlerische Potential eines jeden Menschen die Gesellschaft mit Hilfe der Kunst demokratisieren zu können – auch wenn man dafür zuweilen mit dem Knie denken muss, wie er seine eigene Denkweise einmal beschrieben hat.

Autorin: Seit 2015 leitet Stephanie Herrmann die fotografische Sammlung des Forum Internationale Photographie (FIP) an den Reiss-Engelhorn-Museen. Im Zuge dieses Beitrages zeigte sich einmal mehr wie aufschlussreichreich die Erinnerungen sein können, die Fotografen mit ihren Aufnahmen verbinden. Für die Erkenntnis, dass Beuys nicht nur ein leidenschaftlicher Künstler, sondern auch Koch war, sei Pino Guidolotti an dieser Stelle herzlich gedankt.

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Erfahren Sie mehr über die Sammlungen des Forums Internationale Fotografie.

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