
200 Jahre Fotografie – Blick aus dem Fenster in Le Gras
Im April 2026 berichtete die Zeitung „Welt“, dass weltweit täglich rund 5,3 Milliarden Fotos aufgenommen werden – überwiegend mit Smartphones, die in Sekundenbruchteilen hochqualitative Aufnahmen ermöglichen. Kaum vorstellbar, dass die erste Fotografie der Welt eine Belichtungszeit von acht bis zehn Stunden benötigte. Sie entstand im Jahr 1826 und markiert den Beginn einer Entwicklung, die unsere visuelle Bildkultur bis heute nachhaltig prägt.

Erste Schritte zur Fotografie
Die Anfänge der Fotografie reichen bis in das späte 18. Jahrhundert zurück – so etwa die Versuche von Thomas Wedgwood (1771-1805). Der Spross der berühmten gleichnamigen Porzellanmanufaktur unternahm mit einer Camera Obscura erste Anläufe, fotografisch erzeugte Bilder dauerhaft festzuhalten. Dafür platzierte er Gegenstände auf mit Silbersalzen lichtempfindlich gemachten Papierbögen und belichteten diese. Zwar erschuf er auf diese Weise tatsächlich Lichtkopien von Blättern, Insektenflügeln oder Hinterglasmalereien. Es gelang ihm jedoch noch nicht, diese Papiernegative dauerhaft zu fixieren.

Die Geburtsstunde der Fotografie – Der Blick aus dem Fenster in Le Gras
Die Aufnahme, die heute als die erste Fotografie der Welt gilt, gelang 1826 schließlich dem französischen Erfinder Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) auf einer belichteten 28,5 x 29 Zentimeter messenden Zinnplatte. Das Motiv der ersten Fotografie der Welt ist mehr einem gesunden Pragmatismus als fotografisch-künstlerischem Kalkül geschuldet: Das Arbeitszimmer von Niépce blickte auf den Innenhof des Familienlandsitzes in Le Gras nahe St. Loup-de-Varennes – und genau auf diesen ausgerichtet positionierte er die Kamera.
So zeigt die Aufnahme den wenig spektakulären Ausblick auf Innenhof, Taubenhaus und Nebengebäude des Niépce'schen Anwesens. Am Sonnenstand und den sich verändernden Licht- und Schattenwürfen lässt sich zudem die acht- bis zehnstündige Belichtungszeit ablesen. Der fotochemische Prozess basierte bei diesem Bild auf den spezifischen Eigenschaften von Asphalt. Der in Lavendelöl gelöste, in einer Schicht auf die Platte aufgetragene Asphalt härtete sich an den unter Lichteinwirkung stehenden Stellen. Die unbelichteten Bildpartien blieben dagegen weich und löslich und konnten in einem Bad aus Lavendelöl und Terpentin ausgewaschen werden. Das Resultat war ein dauerhaftes Direktpositiv. Als Bezeichnung für seine Aufnahme wählte Niépce den Begriff „Héliographie“, was aus dem Griechischen abgeleitet wörtlich „Sonnenzeichnung“ heißt.


Die Begegnung mit Daguerre und eine Ablehnung der Londoner Royal Society
1826 nahm Jacques Louis Mandé Daguerre (1787-1851) – Betreiber des Pariser Dioramas und Theatermaler – über den Optiker Charles Chevalier, von dem beide ihre Linsen und Kameras bezogen, Kontakt zu Niépce auf. Chevalier hatte Daguerre darauf aufmerksam gemacht, dass beide unabhängig voneinander an ähnlichen fotografischen Experimenten arbeiteten. Zu ihrem ersten persönlichen Treffen kam es im September 1827 in Paris, als Niépce auf dem Weg zu seinem schwer erkrankten Bruder Claude nach England dort Zwischenstation machte. Im Gepäck hatte er die Zinnplatte mit dem „Blick aus dem Fenster in Le Gras“, die er seinem Bruder zeigen wollte.
In England präsentierte Niépce seine Heliographie auch dem Botaniker und Pflanzenmaler Francis Bauer (1758-1840), der deren Bedeutung sofort erkannte und anbot, sie der Royal Society vorzustellen. Da Niépce aus Sorge um die Geheimhaltung seines Verfahrens nur wenige technische Details preisgab, fand sein Bericht jedoch kein Interesse. Enttäuscht kehrte er nach Frankreich zurück und überließ Bauer die Heliographie als Dank für dessen Bemühungen.
Daguerre triumphiert – Niépce gerät in Vergessenheit
Im Jahr 1829 schlossen Niépce und Daguerre einen Partnerschaftsvertrag, um ihre fotografischen Verfahren gemeinsam weiterzuentwickeln. Niépce hoffte, mit seiner Erfindung wissenschaftliche Anerkennung und wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Doch 1833 starb er, noch bevor er sein Verfahren zur Marktreife bringen oder einer breiten Öffentlichkeit vorstellen konnte. Diese Ehre sollte sechs Jahre später seinem einstigen Mitstreiter Daguerre zuteilwerden, als am 19. August 1839 in der französischen Akademie der Wissenschaften offiziell die Erfindung der Fotografie verkündet wurde. Das Verfahren erhielt nicht ganz unbescheiden die Bezeichnung „Daguerreotypie“, die entscheidenden Vorarbeiten seines verstorbenen Kompagnons verschwieg Daguerre dabei geflissentlich.
Verschollen im Schrankkoffer
So blieb die erste Fotografie der Welt – genauer die erste dauerhaft erhaltene Fotografie eines Außenraums – zunächst weitestgehend unbeachtet. In den folgenden Jahrzehnten wechselte sie mehrfach den Besitzer, bevor sie 1898 ein letztes Mal auf der „Photographic Exhibition“ im Crystal Palace in Sydenham gezeigt wurde. Danach verlor sich ihre Spur für mehr als fünfzig Jahre.
Erst dem Sammlerehepaar Helmut und Alison Gernsheim gelang schließlich die abenteuerliche Wiederentdeckung. Ausgehend von wenigen Hinweisen und ihrem untrüglichen Sammlergespür folgend, veröffentlichten sie 1948 und 1950 Suchaufrufe in der „Times“. Zunächst blieben diese erfolglos, eine später geschaltete Anzeige im „Observer“ brachte dann eine erste wenn auch wenig positive Resonanz. Zwar erinnerte sich Henry Gibbon Pritchard, der älteste Sohn des letzten Besitzers, an die Heliographie, wusste aber nicht, was nach der Ausstellung mit ihr geschehen war. Erst Ende 1951 schrieb seine Witwe den Gernsheims, sie habe die gesuchte Platte doch noch in einem Schrankkoffer gefunden, den ihr Schwager bereits 1917 eingelagert hatte. Gleichzeitig warnte sie aber vor allzu großer Euphorie, da auf der Platte nichts mehr zu erkennen sei.

Mit besonderem Dank an Peter Michels und Urs Tillmanns, die die bislang nur einmal publizierte Aufnahme von Helmut Gernsheim mit seiner bedeutenden Entdeckung für diese Veröffentlichung zur Verfügung gestellt haben.
Die spektakuläre Wiederentdeckung
Am 14. Februar 1952 hielt Helmut Gernsheim die Heliographie von Niépce erstmals in seinen Händen. Als er sie im richtigen Winkel gegen das Licht hielt, erschien das schemenhafte Bild des Innenhofs. Am folgenden Tag machte er seinen sensationellen Fund öffentlich, mit dem die Gernsheims der Fotografie nicht nur ihr ältestes erhaltenes Werk zurückschenkten, sondern zugleich die Geburtsstunde des Mediums auf das Jahr 1826 vordatieren und Joseph Nicéphore Niépce als seinen eigentlichen Erfinder rehabilitieren konnten.
Das Vermächtnis der ersten Fotografie
1963 verkauften die Gernsheims ihre bedeutende Sammlung historischer Fotografien an das Harry Ransom Center der Universität Texas in Austin. Die Heliographie „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ überließen sie der Institution als Schenkung.
Umso schöner war der Moment, als die Reiss-Engelhorn-Museen im Jahr 2012 – also nach über einem halben Jahrhundert – Niépces Heliographie „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ einmalig wieder in Europa präsentieren konnten. Sie war Höhepunkt der vom Forum Internationale Photographie konzipierten Sonderausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie – Meilensteine der Gernsheim-Collection“.
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