
Fokus Sibirien
Am 9. August ist Internationaler Tag der indigenen Bevölkerungsgruppen der Welt. Zur Einstimmung auf unsere kommende Schamanen-Ausstellung richten wir den Blick nach Sibirien. Dort begegnen wir Tschuktschen, Korjaken und Nanai.

113 x 154 x 53 cm / Fischhaut, Farbpigmenten /
Ankauf 1917, Slg. Gabriel von Max 1904, J.F.G. Umlauff 1890
© rem
Dieses Objekt und alle anderen im Beitrag sind ab 20. September in der Sonderausstellung „Schamanen Sibiriens“ zu sehen.
Internationaler Tag der indigenen Bevölkerungsgruppen der Welt
Seit 1994 wird jährlich am 9. August der von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Tag der indigenen Bevölkerungsgruppen der Welt begangen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Dabei werden oft auch bestimmte Themen wie drohender Verlust seltener indigener Sprachen, Lage der Regenwaldvölker oder aktuelle Bedrohungen durch Klimawandel und Rohstoffabbau in den Vordergrund gestellt.
An den Reiss-Engelhorn-Museen wollen wir diesen Tag 2026 erstmals begehen und auf die kommende Sonderausstellung „Schamanen Sibiriens – Zwischen den Welten“ einstimmen, die ab 20. September zu sehen ist.
Die ethnographische Sammlung der Abteilung Weltkulturen und Naturkunde beherbergt eine bedeutende Sammlung sibirischer Objekte, die im Wesentlichen von drei sibirische Ethnien stammt: Tschuktschen im äußersten Nordosten Sibiriens, Korjaken als südliche Nachbarn sowie Nanai (auch Golden) am unteren Amur, die beidseits des großen Flusses auf der russischen sowie der chinesischen Seite leben.
Da jene Bevölkerungsgruppen hierzulande ansonsten wenig bekannt sind, soll ein genereller Einblick in Lebensweise, Kulturwandel – auch bezüglich des Schamanismus – sowie aktuelle Herausforderungen gegeben werden. Denn auch wenn sie vermeintlich am Ende der Welt im äußersten Norden und Osten Sibiriens leben, so sind auch sie von der Moderne mit all ihren Facetten betroffen.

Quelle: Ulamm 21:06, 18 April 2008 (UTC) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sibirien_topo2.png), „Sibirien topo2“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Tschuktschen
Tschuktschen leben im äußersten Nordosten Sibiriens auf der Tschuktschen-Halbinsel, die an die Beringsee und das Nordpolarmeer grenzt. Die Bevölkerungsgruppen an den Küsten lebten mehrheitlich vom Fischfang und der Jagd auf Meeressäuger. Die Gruppen im Inland lebten von der Jagd, der Rentierzucht mit teilweise sehr großen Herden sowie in kleinerem Umfang auch vom Fischfang. Beide Wirtschaftsweisen konnten den Menschen fast alles für ihren Bedarf an Nahrung, Kleidung, Werkzeug, Baumaterialien oder auch Kunst (Schnitzereien) liefern.
Das raue Klima und die extremen Lebensbedingungen in der entlegenen Region, der enge Bezug zur Tierwelt, der (gemeinsame) Jagderfolg sowie die nomadische Lebensweise der Rentierhalter prägten das Leben, den Zusammenhalt und die Kultur der Menschen. In diesem Kontext waren auch Schamanen und Schamaninnen wichtige Akteure, die durch ihre Fähigkeiten als Heilende, Vermittelnde, Sehende sowie Kontaktpersonen zur Seelen- und Tierwelt wichtige Funktionen übernahmen.

© rem, Foto: Jean Christen

© rem, Foto: Michelle Striegel
Die russische Expansion drang Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts zwar bis in das Tschuktschengebiet vor, konnte sich aber gegen den erbitterten Widerstand der Einwohner zunächst nicht dauerhaft halten. Die Christianisierung begann im 18. Jahrhundert, war jedoch oft nur von geringem oder oberflächlichem Erfolg geprägt. In der Sowjetzeit fanden die größten Umwälzungen statt, als Zwangskollektivierung, Sesshaftmachung, Dominanz der russischen Kultur und Sprache sowie die Verfolgung der Schamanen begannen.
In der postsowjetischen Zeit änderte sich dies wieder in Richtung Verständigung und teilweiser Akzeptanz. In neuerer Zeit versuchen Tschuktschen wieder an traditionelle Lebensweisen anzuknüpfen, zugleich aber auch mit den modernen Herausforderungen einer globalisierten Welt umzugehen.
Korjaken
Korjaken sind die südlichen Nachbarn der Tschuktschen und leben auf dem nördlichen und nordwestlichen Festland sowie der Halbinsel Kamtschatka. Ihre Lebens- und Wirtschaftsweise war ebenso wie bei Tschuktschen von der nomadischen Rentierhaltung und der Jagd bei den Inlandgruppen sowie an den Küsten vom Fischfang und der Seesäugerjagd geprägt. Beides lieferte den Menschen auch hier alles Nötige zum Leben sowie für künstlerische Werke. Tiere spielten im Leben und in den zahlreichen Mythen eine große Rolle und wurden teilweise rituell verehrt. Die Schamanen waren für die Krankenheilung, das sichere Seelengeleit der Toten sowie die Beherrschung der guten und bösen Geister zuständig.

© rem, Foto: Maria Schumann

© rem, Foto: Maria Schumann
Ähnlich wie bei den Tschuktschen begann die russische Expansion Mitte des 17. Jahrhunderts und die Christianisierung im 18. Jahrhundert mit jeweils nur bedingten Erfolgen. In der Sowjetzeit waren auch die Korjaken von den bereits erwähnten massiven Umwälzungen betroffen – wie Zwangskollektivierung, Sesshaftmachung, russischer Dominanz sowie Schamanenverfolgung. Die postsowjetische Phase änderte dies wieder und heute versuchen auch die Korjaken, ihren Weg zwischen Tradition mit Fischfang und Rentierhaltung sowie der Moderne (Rohstoffabbau in ihrem Gebiet u.a.) zu gehen.
Nanai, auch Golden
Nanai – früher auch Golden genannt – leben südlich der Tschuktschen und Korjaken zu beiden Seiten des unteren Amur und seiner Nebenflüsse, sowohl auf russischer als auch auf chinesischer Seite. Der große Strom mit seinen Nebenflüssen war und ist ihnen wichtige Lebensader, Wasserstraße und Kommunikationsweg in einem. Nanai lebten – sofern direkt am Fluss siedelnd – vom Fischfang, wobei die Fische nicht nur als Nahrung, sondern auch zur vielfachen Weiterverarbeitung (etwa der Fischhaut zur Ledergewinnung für Gewänder) sowie als Handelsartikel dienten.

© rem, Foto: Michelle Striegel

© rem, Foto: Michelle Striegel
Die Menschen an den kleineren Flussläufen und im Hinterland lebten zudem von der Jagd und dem Pelzhandel. Sie hatten Kontakte sowohl zu Russland als auch zu China, wodurch beispielsweise auch chinesische Handelsgüter wie Seide in die materielle Kultur aufgenommen wurden. Schamanen übten die Krankenheilung, das Toten- bzw. Seelengeleit sowie die rituelle Verehrung der Tiere aus. Die Nanai heute versuchen ebenso ihre kulturellen Traditionen und Alleinstellungsmerkmale aufrecht zu erhalten und zu pflegen sowie zugleich mit allen Schwierigkeiten der Moderne wie etwa der Industralisierung und den verschiedenen Lebenswelten in zwei großen Vielvölkerstaaten umzugehen.
Illustrationen und Provenienz
Der Beitrag wird bebildert mit Eindrücken der Lebenswelt, vor allem aber auch mit der materiellen Kultur und den Objekten aus der ethnographischen Sammlung. Die Objekte sind alle in der neuen Sonderausstellung „Schamanen Sibiriens“ zu sehen. Sie stammen aus der Sammlung des Münchner Malers Gabriel von Max (1840–1915), der durch ein umfangreiches Netzwerk eine große Privatsammlung erwarb, welche 1917 vom Mannheimer Museum angekauft wurde. Gabriel von Max hatte die Sibirien-Objekte von dem Ethnographika-Händler Umlauff J.F.G. Umlauff (1833–1889) erworben, der sie seinerseits teilweise von einem russischen Walfänger und Kapitän namens F.F.K. Höök (1836 –1904) erhalten hatte.
Neugierig geworden?
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in unserer Sonderausstellung „Schamanen Sibiriens – Zwischen den Welten“, die vom 20. September 2026 bis 27. Juni 2027 in den rem-Stiftungsmuseen in C4,12 zu sehen ist.
Mehr zur Ausstellung
Pünktlich zur Eröffnung der Sonderausstellung erscheint im Nünnerich-Asmus Verlag ein reichbebilderter Katalog, den Sie dann natürlich auch bei uns an der Museumskasse erhalten.
Unsere Weltkulturen-Sammlung umfasst rund 40.000 Kulturgüter von fünf Kontinenten. Mehr erfahren Sie hier.


