
Isis – eine ägyptische Göttin macht Weltkarriere
Zu den bekanntesten Mitgliedern des altägyptischen Pantheons gehört zweifelsohne die Göttin Isis. Das erschließt sich nicht allein aus zahlreichen, mit der Göttin in Verbindung stehenden Funden aus Ägypten selbst, sondern auch mit ihrem Wirken außerhalb Ägyptens bis hin in unsere Zeit. Wie aber kam es dazu?

Das Relief, das sich stilistisch wunderbar in die 19. Dynastie datieren lässt, zeigt die thronende Isis, mit der gehörnten Sonnenscheibe auf dem Kopf. Des Weiteren trägt sie auffällige Uräen-Ohrringe. Mit den Armen umfasst sie liebevoll ihren Mann Osiris, von dem nur noch die rechte Schulter und der in Mumienbinden gehüllte Arm, Teile der Krone und sein in Händen gehaltener Wedel erhalten sind.
Kalkstein, bemalt; wohl Theben-West; Neues Reich, 19. Dynastie, 1292–1191 v. Chr.; Hildesheim, RPM, 1881
© Roemer-Pelizaeus-Museum, Hildesheim, Foto: Sharokh Shalchi
Vom No-Name zum Exportschlager
Handfeste und sichere Belege für Isis lassen sich erstmals im Ägypten der 5. Dynastie (ca. 2450–2310 v. Chr.) ausmachen. Das erscheint fast spät, verglichen mit anderen großen Göttern, deren Kult sich bereits in prädynastischer Zeit – also noch mehr als ein halbes Jahrtausend zuvor – nachweisen lässt. Zu jener Zeit ist Isis auch noch weit davon entfernt, eine große weltbekannte Göttin zu sein. Im Alten Reich (ca. 2650–2150 v. Chr.) dominiert der Sonnenkult rund um die Falkengötter Re und Horus.
Erst mit dem Mittleren Reich (ca. 1980–1680 v. Chr.) gewinnt Isis – bedingt durch die wachsende Popularität des Osirismythos, in dem sie eine der Hauptrollen spielt – mehr an Bedeutung. Dieser erzählt vom Mord an Osiris, dem Bruder und Gatten der Isis, durch dessen Bruder Seth. Als Seths Motiv wird gemeinhin Eifersucht auf die Königskrone des Osiris angeführt. Und als sei der Mord an einem Gottkönig noch nicht Frevel genug, zerstückelt Seth den Leichnam seines Bruders und verteilt ihn im ganzen Land. Isis jedoch beweist ihrem Mann die Treue, reist den Nil stromab- und stromaufwärts und kann schließlich den Leichnam des Osiris wieder zusammensetzen und zu neuem Leben erwecken. So wird dieser zum Herren über die Unterwelt, während der bei der Wiederbelebung gezeugte Horus den Thron seines Vaters übernimmt.
Die Verehrung der Isis hält auch im Neuen Reich (ca. 1539–1077 v. Chr.) an und doch tritt sie nie allein in Erscheinung, sondern nur in Verbindung mit anderen Göttern – insbesondere Osiris oder Hathor. Dies ändert sich schlagartig in der Dritten Zwischenzeit, als das ägyptische Großreich untergeht, in kleinere Landesteile zerfällt und die Menschen von Wirtschaftskrisen, Bürgerkrieg und Fremdherrschaft geplagt werden. In dieser von Krisen geprägten Zeit avanciert Isis – die ja selbst mehrere Schicksalsschläge erlitten hatte – zur Schutzgöttin par excellence, die den Leuten als treue Gattin und fürsorgliche Mutter Hoffnung schenkt.
Als schließlich die griechischstämmigen Ptolemäer und nach ihnen die römischen Kaiser über Ägypten herrschen, entwickelt sich Isis – in Ägypten selbst inzwischen eine der bedeutendsten und populärsten Göttinnen – zum ägyptischen Exportgut. Ihr Kult verbreitet sich in der gesamten mediterranen Welt: Isis-Tempel werden in Rom und Pompeji, auf Delos und in Korinth, selbst in Köln oder Mainz errichtet.
Kult und Kultorte einer Universalgöttin
Die Bezeichnung als „Universalgöttin“ wird der Isis mehr als gerecht, wenigstens ab der ägyptischen Spätzeit. So ist aus griechisch-römischer Zeit für Isis sogar explizit der Beiname Panthea – also „Allgöttin“ – belegt.
Ihren Anfang nahm sie dagegen in erster Linie als Schutzgöttin, respektive als Beschützerin der Toten. Basierend auf ihrer Rolle im Osirismythos sollte sie den Verstorbenen Schutz auf ihrer Reise durch die Unterwelt bereiten. In erster Linie indem sie den Körper vor dem Zerfall bewahren sollte. Aus diesem Grund gehörten Isis und ihre Zwillingsschwester Nephthys spätestens ab dem Neuen Reich zur Standarddekoration ägyptischer Särge. Neben dem mumifizierten Körper wachten die Göttinnen auch über die Kanopen, in denen die dem Verstorbenen entnommenen Organe Lunge, Leber, Magen und Darm aufbewahrt wurden – vorausgesetzt, man konnte sich eine so luxuriöse Bestattung leisten. Aus eben dieser Schutzfunktion für die Toten leitete sich später auch ihre Rolle als Beschützerin der Lebenden ab.
Neben dieser wichtigen Aufgabe war Isis vor allem auch eine Göttin der Mutterschaft und Geburt. Sie selbst hatte sich nach der Geburt ihres Sohnes Horus mit diesem in den Sümpfen des Nildeltas versteckt, um ihn vor den Nachstellungen seines rachsüchtigen Onkels Seth zu beschützen. Dabei kam es gelegentlich auch vor, dass das Kind von Krokodilen, Skorpionen oder anderen Übeltätern angegriffen wurde. Auch davor bewahrte Isis ihren Sohn und galt damit als Idealbild einer Mutter.
Ihr Beiname, die „Zauberreiche“ (ägyptisch Weret-Hekau) offenbart einen weiteren Aspekt ihres Charakters. Isis tritt in verschiedenen Mythen immer wieder als mächtige Zauberin auf, ja scheint sogar die einzige Göttin mit derart magischer Begabung zu sein. So konnte sie auch angerufen werden, um Heilung, Glück oder ähnliches zu erbitten.
In Folge der Gleichsetzung fremder Gottheiten mit den eigenen durch griechische Autoren wurde Isis ab der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts vor Christus vor allem mit Demeter verbunden, aufgrund ihres Facettenreichtums aber auch mit Hera, Athene, Artemis, Aphrodite oder Persephone.

Der Isis-Tempel, heute auf der Insel Agilkia befindlich, ist nicht nur eine der besterhaltenen Tempelanlagen Altägyptens, sondern auch das bedeutendste Heiligtum der Isis. Als letzte „heidnische Bastion“ fanden hier noch bis ins 6. Jahrhundert nach Christus kultische Handlungen statt. Sowohl die späteste datierte hieroglyphische Inschrift als auch die späteste datierte demotische Inschrift wurden hier angebracht. Die Tempelinschriften werden aktuell vom Projekt „Edition der Tempelinschriften von Philae“ (Universität Leipzig, ÖAW) publiziert.
© Foto: Philae TempelText Projekt (PTTP), Universität Leipzig/ÖAW, Wien
In Ägypten finden sich diverse Heiligtümer der Göttin. Das bedeutendste darunter ist ohne Zweifel die Tempelanlage von Philae – nahe dem heutigen Assuan –, wo Isis mit ihrem Mann Osiris rege kultische Verehrung genoss.
Die Ursprünge des Tempels gehen mindestens in die Regierungszeit Nektanebos‘ I. (379–360 v. Chr.) zurück, könnten aber auch älter sein. Gleichwohl begann der Bau des Haupttempels in seiner endgültigen Form unter Ptolemaios II., der von 285–246 v. Chr. regierte. Unter seinen Nachfolgern wurde die Anlage stetig ausgebaut und um weitere Tempel erweitert, Bautätigkeiten lassen sich noch sicher bis in die Regentschaft des Antoninus Pius nachweisen.
Auf Philae (oder genauer gesagt auf Agilkia, so der Name der Insel, auf der man die Tempelanlage im Zuge der Rettungsaktion 1977–1980 nach dem Bau des zweiten Assuan-Staudamms wiedererrichtet hat) lassen sich heute somit mehrere Tempel ausmachen, die unter anderem den Göttern Arensnuphis, Hathor oder dem vergöttlichten Imhotep geweiht sind. Das Areal aber dominiert der von Kolonnaden gesäumte Hof, auf den zwei Pylone und ein weiterer Hof und schließlich das Allerheiligste des Isis-Tempels folgen.
Von der Durchsetzungsfähigkeit des Isis-Kultes zeugt auch die fast durchgängige Verehrung der Isis auf Philae bis in die Spätantike hinein. Selbst der rasche Aufstieg des Christentums und dessen Erhebung zur Staatsreligion durch Kaiser Theodosius I. im Jahre 391 n. Chr., die mit dem Verbot der heidnischen Kulte einherging, konnten dem keinen Abbruch tun. Noch 394 n. Chr. wurde eine hieroglyphische Inschrift auf der Insel angebracht – die letzten Hieroglyphen, die wir sicher datieren können. Erst um 536 n. Chr. ließ Kaiser Justinian den Tempel offiziell durch die kaiserlichen Truppen mit Gewalt schließen und in eine Kirche umweihen.
Götter als Geschenk für die Götter?
Eine Objektgruppe, die uns aus dem Alten Ägypten zahlreich überliefert ist, stellen Götterstatuetten aus Bronze-Legierungen dar. Solche Figurinen, die in unterschiedlicher Größe (meist um die 15–20 cm) und Qualität vorkommen, finden sich heute in nahezu jeder größeren ägyptologischen Sammlung.
Fest steht, dass sie in der Dritten Zwischenzeit (ca. 1076–720 v. Chr.) und der Spätzeit (ca. 720–323 v. Chr.) in einer regelrechten Massenproduktion hergestellt worden sind. Dazu wandte man in der Regel das sogenannte Wachsausschmelzverfahren an, bei dem zunächst ein Modell der gewünschten Statuette aus Wachs geformt wurde, um das herum aus Ton eine Gussform modelliert wurde. Durch anschließendes Erhitzen wurde gleichzeitig der Ton gebrannt und das Wachs geschmolzen, dass im inneren der Form ein Negativ verblieb. Nun musste nur noch das flüssige Metall in die Form gegossen und diese nach dem Erhärten zerschlagen werden.
Je nachdem, welcher Gott oder welche Göttin dargestellt war, konnten zusätzliche Teile gesondert gegossen und anschließend die einzelnen Komponenten zusammengefügt werden. Insbesondere Throne konnten jedoch leichter verloren gehen, weswegen heutzutage die wenigsten Gottheiten auf ihrem originalen Thron sitzen.

Kleine Götterfigurinen wie diese finden sich in ägyptischen Sammlungen in aller Welt. Diese hier zeigt die thronende Isis – der Thron ist sekundär in der Neuzeit nachgearbeitet worden – mit ihrem Sohn Harpokrates auf dem Schoß. Das Kind ist durch die Jugendlocke und einen Uräus an der Stirn ausgezeichnet, die Göttin trägt Geierhaube und eine gehörnte Sonnenscheibe.
Bronze-Legierung; H. 16,5 cm, Br. 3,8 cm; Herkunft unbekannt; Spätzeit, 26. Bis 30. Dynastie, 664–332 v. Chr.
© rem, Foto: Maria Schumann
Während also über die Datierung und die Herstellungsweise dieser Stücke allgemeiner Konsens herrscht, bleibt die Funktion Gegenstand ägyptologischer Diskussionen. Möglich wäre eine Verwendung als Grabbeigabe oder als Kultbild, das in Tempeln und vielleicht sogar in privaten Haushalten aufgestellt war. In letzteren hätte es jedoch nicht als echter Ritualempfänger fungieren können, denn nach ägyptischer Vorstellung war Pharao der Einzige, der direkt mit den Göttern interagieren konnte. Es war sogar seine Pflicht, den Tempeldienst für sie zu verrichten – eine Aufgabe, die er (schon aus rein logistischen Gründen) an die Priesterschaft übertragen hatte. In Privathäusern könnten solche Statuetten dennoch als Schutzgötter über die Familie gedient haben.
Für den Großteil dieser Figuren ist allerdings eine Verwendung als Votiv die wahrscheinlichste Erklärung. Solche symbolischen Opfergaben konnten von Privatpersonen dem Kult einer Gottheit – in der Regel also dem Tempel – gespendet werden. Durch eine solche Spende erhoffte man sich, an der kultischen Verehrung teilzuhaben und in den Kreis der Göttin oder des Gottes aufgenommen zu werden. Damit zeichnen die Statuetten ein lebhaftes Bild von der persönlichen Frömmigkeit einzelner, stellte die Votivgabe doch eine persönliche Verbindung zu einer ganz bestimmten Gottheit her. Die hohen qualitativen Unterschiede zeugen von der sehr heterogenen Abnehmergruppe der Figürchen. Gut betuchte Würdenträger und Beamte wie auch einfache Leute konnten somit gleichermaßen von dieser Praxis Gebrauch machen. Kurz gesagt schenkte man also einem Gott dessen eigenes Abbild, um im Gegenzug von diesem Zuwendung zu erhalten.
Aus der oben angesprochenen, explosionsartig gesteigerten Popularität der Isis ab der Dritten Zwischenzeit, die mit dem Beginn der massenhaften Anfertigung solcher Götterfigurinen zusammenfällt, erklärt sich, warum Isis innerhalb dieser Objektgruppe so oft vertreten ist.
Besonders beliebt ist dabei der sogenannte Typus der „Isis lactans“ – der stillenden Isis. Dabei handelt es sich um eine sitzende Isis, meist mit gehörnter Sonnenscheibe auf dem Kopf und in ein langes, enganliegendes Gewand gekleidet, auf deren Schoß ein Kleinkind sitzt: ihr Sohn Horus, oder genauer gesagt Horus in der Form des Harpokrates (die gräzisierte Form des altägyptischen Hor-pa-chered, „Horus-das-Kind“). Während sie ihn mit der einen Hand auf ihrem Schoß festhält, hält sie mit der anderen Hand ihre Brust, zu der sie das Kind führt.
Es gilt als wahrscheinlich, dass solche Darstellungen der Isis mit dem Horusknaben spätere Darstellung der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind (bekannt als „Maria lactans“) beeinflusst haben könnten. Nicht zuletzt daran zeigt sich, dass Isis bis heute nachwirkt.

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