
Bildnis einer lesenden Frau
Eine besondere Darstellung gehört zu den Höhepunkten unserer Gemäldesammlung. Das „Bildnis einer lesenden Frau“ stammt von Peter Paul Rubens und Jan Boeckhorst. Passend zum Start der Frankfurter Buchmesse stellen wir es Ihnen genauer vor. Einige Geheimnisse gibt das Bild erst in der Röntgenaufnahme preis.

Das Motiv einer lesenden Frau lag diesem Bild ursprünglich nicht zugrunde. Restaurierungsmaßnahmen ergaben, dass das Gemälde ursprünglich nur aus der mittleren Kerntafel mit dem Brustbild der Dargestellten bestand und die seitlichen Anstückungen mit dem Buch erst im Nachhinein ergänzt wurden. Weitere farbliche Retouchen kamen dann nochmals wohl im 18. Jahrhundert hinzu, die sich durch die Verwendung von Preußisch-Blau nachweisen ließen, das erst ab dieser Zeit verstärkt aufkam.
Nach der Erweiterung der Kerntafel zeigt das Bild eine Frau in einem tief dekolletierten Kleid mit bauschigen Ärmeln und Haaren, die hinten durch ein Perlenband zu einem Kranz zusammengesteckt sind. Eine Röntgenuntersuchung brachte ans Licht, dass ursprüngliche Kleidungsstücke der Dargestellten wie eine Haube und ein weißer Kragen über dem Kleid übermalt worden waren.

Wer ist die Lesende?
Auch der Titel hat sich im Laufe der Zeit verändert. So wurde das Bildnis in Inventaren des Mannheimer Schlosses bis ins 19. Jahrhundert als Porträt von Isabella Brandt (1591–1626), der ersten Ehefrau von Peter Paul Rubens (1577–1640) bezeichnet. Jedoch konnte dies dem Vergleich mit tatsächlich verbürgten Bildnissen von Rubens‘ erster Frau keineswegs standhalten. Wohl eher noch käme eine aber eher vage Ähnlichkeit mit Rubens’ zweiter Frau Helene Fourment (1614–1673) in Frage.
Rubens und Boeckhorst
Rubens’ künstlerische Beteiligung an diesem Werk war bisher nie vollständig geklärt worden, ist mittlerweile jedoch nicht mehr von der Hand zu weisen. Schon 1900 hat der Niederländerexperte Cornelis Hofstede de Groot (1863–1930) bei seiner Sichtung der Gemäldegalerie im Mannheimer Schloss auf Rubens’ Hand hingewiesen. Diese Ansicht wurde nun nochmals durch Untersuchungen an dem Gemälde, Vergleiche mit anderen Bildern und Expertenmeinungen gestützt.
Allerdings ist aufgrund des unterschiedlichen Pinselduktus’ auch von zwei beteiligten Malern auszugehen. Neben Rubens wird es in diesem Fall Jan Boeckhorst (1604–1668) gewesen sein, dessen Zusammenarbeit mit dem Malergenie sich ab 1635 nachweisen lässt. Es gibt von Boeckhorst einen fast identischen Frauentypus in englischem Privatbesitz. Von Rubens existiert eine entsprechende Zeichnung in der Devonshire Collection in Chatsworth, auf die dieses Gesicht zurückgeht.
Das Bild gehört in die Gattung der sog. „tronien“, Kopfstudien als Vorlagen für figurenreiche Historienbilder. Die Lesende von der Hand Rubens’ hat Boeckhorst in der Kleidung nochmals modifiziert und – ähnlich dem bekannten „König David spielt die Harfe vor Saul“ von Rubens (um 1630) aus dem Frankfurter Städel Museum – zu einer fertigen Bildkomposition ausgearbeitet.

© rem
Noch bis 8. November 2026 ist dieses Bild aus unserer Sammlung übrigens in der Kunsthalle Mannheim in der Ausstellung „Von Dürer bis Piranesi. Druckgrafik aus der Mannheimer Sammlung Anton von Klein“ zu sehen.
Provenienz
Das Gemälde gehörte dem Schriftsteller und Gelehrten Anton von Klein, der es 1810 zusammen mit seiner Sammlung an Großherzog Carl Friedrich von Baden verkaufte. Aus dessen Besitz gelangte das Bild in das Mannheimer Schlossmuseum und nach dem Zweiten Weltkrieg in das Reiss-Museum, die heutigen Reiss-Engelhorn-Museen.
Durch Kriegseinwirkungen stark in Mitleidenschaft gezogen, wurde es 2002 bis 2004 umfassend restauriert. 2020 wurde das Gemälde von Nico van Hout in dessen zweibändigem Werk des Corpus Rubenianum über die Studienköpfe von Peter Paul Rubens aufgenommen und entsprechend publiziert. 2021/22 war es für die große Sonderausstellung „Becoming Famous. Peter Paul Rubens“ an die Staatsgalerie Stuttgart ausgeliehen.
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