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| Dr. Klaus Wirth und Patricia Pfaff

Goldrausch in Heddesheim

Was glänzt denn da? Erfahren Sie mehr über einen ganz besonderen Fund, der bei einer Grabung in Heddesheim zum Vorschein kam: eine Goldscheibenfibel aus dem 7. Jahrhundert.

Die Filigranscheibenfibel von Heddesheim © rem, P. Will

Archäologen der Reiss-Engelhorn-Museen graben nicht nur auf Mannheimer Stadtgebiet, sondern sind auch in wenigen umliegenden Gemeinden als ehrenamtlich Beauftragte des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg tätig.

Große Überraschung

Am 15. April 2020 arbeiten sie in Heddesheim, Oberdorfstraße 19. Die Archäologen beobachten die Bewegungen der Baggerschaufel, die sich aus den Erdschichten gerade einen großen Haufen aufladen will. Als der Baggerfahrer die Schaufel anhebt, fallen Erdbrocken herunter. Sie rollen den Beteiligten zwar direkt vor die Füße, werden aber zunächst nicht beachtet. Erst der fassungslose Blick des Grabungstechnikers lenkt die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf einen kreisrunden, golden schimmernden Gegenstand. Eine Diagnose ist schnell gestellt: es handelt sich um eine filigran gearbeitete Goldscheibenfibel aus dem 7. Jahrhundert der späten Merowinger.

Goldscheibenfibel

Das Objekt wird umgehend einem Restaurator der Archäologischen Denkmalpflege der rem übergeben. Die vorsichtige Reinigung lässt verschiedenfarbige Einlagen aus Glas und aufgelötete Verzierungen aus Golddraht erkennen. Mit 5,5 cm Durchmesser und einer Höhe von ca. 2,5 cm nimmt sie unter den bekannten Scheibenfibeln eine mittlere Größe ein. Das Wort Fibel leitet sich aus dem lateinischen Wort fibula her. Sie diente in der Vergangenheit zum Verschließen von Kleidungsstücken. Es gibt sie in verschiedenen vor-und frühgeschichtlichen Epochen in vielen Formen vorwiegend aus Eisen und Bronze. Wenige wurden aus Edelmetall hergestellt. Die Nadelkonstruktion ist mit der einer Sicherheitsnadel vergleichbar.

Die Heddesheimer Fibel besteht aus mehreren Teilen. Die Grundplatte besteht aus Messing, die obere Metallschicht hingegen aus Goldblech. Zwischen beiden Metallen befindet sich eine kittartige Masse. Die Goldblechauflage ist reliefartig gestaltet. Das Goldblech umschließt den Rand und endet in einem Saum aus Filigrandraht. Im Zentrum der Fibel sitzt eine kugelig geschliffene Einlage aus braunrotem Glas. Sie wird von der sogenannten Zarge gehalten, einem eng anliegenden Streifen aus Goldblech. Auf der Zarge sitzen 30 winzige Hülsen aus Goldblech. Sie sind mit einer dunkelgrau-violetten Masse gefüllt.

In einer kreisförmigen Zone auf der Schauseite ist von ehemals drei Glaseinlagen noch eine erhalten. Zwischen den Einlagen befinden sich weitere Verzierungen aus kordelartig gedrehtem Draht (Filigran). Auf dem äußeren Rand der Fibel sind weitere sechs Einlagen zwischen Filigranverzierungen angebracht. Sie bestehen aus türkisfarbenem Glas und aus einem muschelkalkartigen Material. Die Einlagen bedecken Nieten, die die Grundplatte und das Goldblech miteinander verbinden.

Schutz vor Unheil?

Betrachtet man die Kombination von aufgelöteten Filigrandrähten und farbigen Einlagen, so erkennt man mit viel Phantasie Hals und Kopf von Tieren, die mit aufgerissenem Kiefer nach etwas zu schnappen scheinen. Sollte die Besitzerin der Fibel vor unheilbringenden Einflüssen geschützt werden? Nicht nur heidnische Gläubige stellten sich unter einen solchen Schutz, auch Christen taten dies. Man findet derartige Darstellungen in vielen mittelalterlichen Kirchen.

Leider kennen wir weder den Schöpfer dieses Schmuckstückes noch seinen Herstellungsort. Vergleiche mit wenigen erhaltenen Goldscheibenfibeln aus Gräberfeldern legen eine Entstehung in der Zeit ab Mitte des 7. Jahrhunderts nahe.  Möglicherweise wurde sie in dieser Region hergestellt. Das Heddesheimer Exemplar vereint nämlich alamannische und rheinfränkische Stilelemente. Überraschend kam die Fibel in einer Siedlung zu Tage. Sie wurde dort verloren oder entsorgt. Die meisten anderen Scheibenfibeln stammen aus Gräbern von Friedhöfen dieser Zeit. Sie gehörten als Grabbeigabe zum kostbarsten persönlichen Besitz von sozial hochgestellten Frauen, deren Anspruch darauf selbst mit dem Tod nicht erlosch.

Autor: Dr. Klaus Wirth und Patricia Pfaff

Neugierig geworden?

Erfahren Sie mehr über die Archäologische Denkmalpflege an den rem.

Besuchen Sie das rem-Team bei einer Grabung. Eine Film-Reportage schaut unseren Experten über die Schulter.

Außergewöhnlichen Funde aus Mannheim und der Umgebung können Sie in der Ausstellung Versunkene Geschichte bewundern.

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