Skulptur eines Karpfens, die aus unzähligen verschieden farbigen Glasplättchen besteht.

Eine Extraportion Glück fürs neue Jahr

Um den Karpfen ranken sich zahlreiche Mythen und Bräuche. Er gilt als Glücksbringer und kommt bei vielen an Weihnachten und Neujahr auf den Tisch. Den faszinierenden Tieren widmet sich auch die Künstlerin Marta Klonowska mit ihren Glasskulpturen. 

Unter dem Titel „Glasmenagerie“ sind in unseren Stiftungsmuseen noch bis 21. Juni 2026 gläserne Kunstwerke der polnischen Bildhauerin Marta Klonowska zu bewundern. Die Künstlerin gehört mit ihrem eigenen, unverkennbaren Stil international zu den bedeutendsten Künstler*innen der Gegenwart, die sich dem Material Glas verschrieben haben. 

Sie lässt sich von Gemälden und Graphiken der Vergangenheit inspirieren und entnimmt ihnen Tierfiguren, die in der Regel als Begleiter oder illustrierendes Beiwerk des Hauptmotivs fungieren. Diese erhalten nun einen eigenen Auftritt, indem sie dreidimensional ausgeführt werden. Fische zählen neben Hunden zu den Tieren, die ihr Oeuvre besonders prägen. Auf einem Unterbau aus Draht bringt die Künstlerin unzählige, farbige Glasplättchen an, die sie zuvor selbst mühsam aus unterschiedlich farbigen Glasplatten gebrochen hat.

Faszinierende Karpfen aus Glas

Besonders faszinierend sind ihre Karpfendarstellungen. Inspiration hierfür geben japanische Holzschnitte des 19. Jahrhunderts, etwa von dem berühmten Künstler Utagawa Hiroshige (1797 - 1858). Der stilbildende Meister am Ende der Edo-Zeit veröffentlichte mehrere Serien mit Fischen, einige davon waren den Karpfen gewidmet. Ihr elegantes Gleiten durch das Wasser wie auch ihr Sich-Empor-Winden aus dem Wasser fing er meisterlich in seinen Werken ein. 

Marta Klonowska formt weder ein mimetisches Abbild der sorgfältig ausgesuchten Tiere, noch abstrahiert sie diese. Vielmehr verdichtet sie die zweidimensionalen Vorbilder gleichsam von innen heraus zu einer gegenständlichen plastischen Struktur mit zerfurchten, spitzen Oberflächen. Vom seitlichen Anlagepunkt auf der Stütze schnellt etwa ein Karpfen in diagonaler Bewegung in die Höhe, so, als ob er sich im Sprung befände. Es sind die innere Spannung, Dynamik und Bewegung des lebendigen Körpers, denen sie im statischen Medium der Skulptur Ausdruck zu verleihen sucht – ein Grundthema ihres Schaffens. 

Durch die gekonnte Schichtung des Glases entsteht bei den Karpfendarstellungen eine dichte schuppenartige Oberfläche. Hier bestimmt vor alle die Farbe das sinnliche Erleben der Kunstwerke. In den zahllosen Splittern verfängt sich das Licht, spiegelt sich und funkelt verführerisch. Die Richtung und Dichte der Glasschichtungen bestimmen zugleich die Struktur des Objektes. Das physikalische Phänomen der Lichtbrechung im Glas wird durch übereinanderliegende Schichten potenziert. Es wird zusätzlich verstärkt, wenn die Betrachter ihren Blickwinkel ändern. 

Jede Bewegung zieht neue Reflexionen und Farbspiele nach sich. Vor dem Auge läuft geradezu ein Lichtfeuerwerk ab. Unter einem bestimmten Winkel entsteht der Eindruck einer homogenen Fläche, ein neuer Standpunkt bringt die schuppenartigen Strukturen hervor. In der Körperhaftigkeit, den Rundungen und den Wölbungen der Tierleiber bleibt der malerische Charakter vorherrschend. Obwohl Glas ein eher schweres Material ist, strahlen die kraftvollen Wesen Leichtigkeit und Geschmeidigkeit aus. Sie wirken lebendig, nehmen Raum ein und scheinen mit den Betrachtern zu interagieren.

Die Künstlerin versteht es, weitgehende Vereinfachung der Form mit hoher Naturwahrheit dem Vorbild verpflichtet zu vereinen. Die so entstandenen Werke besitzen zugleich eine Vielzahl von kontrastierenden Elementen wie Vergangenheit und Gegenwart, Ideal und Realität, Schönheit und Gefahr und lösen beim Betrachten vielfältige Emotionen und Assoziationen aus.

Karpfen als Glücksbringer

Gerade zu Beginn eines neuen Jahres bietet sich eine genauere Betrachtung der Glaskarpfen an. Der Jahreswechsel verbindet Menschen weltweit durch gemeinsame Hoffnungen für das neue Jahr. Das Bedürfnis nach einem guten Start ist universell – die unterschiedlichsten Traditionen basieren darauf. Karpfen sind auch ein Teil davon, rund um die Silvesternacht findet sich die ihnen zugeschriebene Magie im Brauchtum wieder.

Die Karpfenzucht in Asien reicht mehrere Jahrtausende zurück und auch in Europa wird das Tier als Speisefisch geschätzt. Daneben erlangte der Fisch im chinesischen und japanischen Alltag eine ganz eigene Bedeutung. Hier gilt er als mythisches Wesen, das die Phantasie vieler Künstler anregte. In vielen chinesischen Märchen wird der Karpfen als Inkarnation des Drachen angesehen, der denjenigen Glück und Reichtum bringt, deren Weg er kreuzt. In der japanischen Kultur symbolisiert der Karpfen Stärke und Ausdauer. Die Fische können gegen die Strömung schwimmen, was sie zu einem Symbol für Durchhaltevermögen macht. In der Mythologie dieser Länder schafft es ein Karpfen einen Wasserfall hinauf zu schwimmen, um sich anschließend in einen Drachen zu verwandeln. Daher ist er auch ein Symbol für Transformation und Erfolg. 

Schuppen für Gesundheit und Geldsegen

Auch in Europa sind Karpfen Bestandteil alter Mythen und Bräuche. So ist der Weihnachtskarpfen in großen Teilen Mittel- und Osteuropas ein traditionelles Gericht für den Heiligabend. Als Fastengericht beendete er die Adventszeit, die früher in christlicher Tradition als Fastenzeit begangen wurde. Zudem sind Karpfen ein beliebter Klassiker in der Küche zum Jahreswechsel, enthalten die Fische doch Rogen, Fischeier – also Keime neuen Lebens und Symbol des Aufbruchs. Zudem wird ihr Vorwärtsschwimmen als Sinnbild für das Vorwärtskommen gewertet. Die Verbindung von Karpfen und Geld zeigt ein Neujahrsbrauch. Das Verwahren einer Schuppe eines Silvester- oder Neujahrskarpfens im Geldbeutel soll Gesundheit, Glück und Geldsegen im neuen Jahr bringen. Die an Münzen erinnernde Form der Schuppen stand hierbei sicherlich Pate.

Marta Klonowskas Kunstwerke schaffen den Brückenschlag zwischen traditionellen Motiven und neuer Kunst, ohne die Ursprünge der Werke aus dem Blick zu verlieren. Ihre gläsernen Karpfen reihen sich zum Jahreswechsel in die Reihe glücksverheißender Symbole ein. Möge das kommende Jahr voller Glück und erfüllender Momente sein – Prosit Neujahr!

Neugierig geworden?

Karpfen und weitere gläserne Tierskulpturen der Bildhauerin Marta Klonowska können Sie noch bis 21. Juni 2026 in der Sonderausstellung „Glasmenagerie“ bewundern.
Mehr zur Ausstellung

Kuratoren-Führungen, Lesung oder Weinprobe – zur Ausstellung gibt es ein abwechslungsreiches Begleitprogramm.
Alle Termine im Überblick

Glas ist ein überaus facettenreiches Material. Erfahren Sie in unserer Blog-Reihe mehr über die Verwendung von Glas in verschiedenen Epochen.