Philipp und Paula

Im Februar feiern wir zwei Geburtstage: den 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker und den 155. von Philipp Klein. Beide Maler sind mit Werken in unserer aktuellen Sonderausstellung „AUFGETAUCHT!“ vertreten. Im rem-Blog erinnern wir an ihr Treffen in der Künstlerkolonie Worpswede.

1897 treffen im Künstlerdorf Worpswede zwei junge Menschen aufeinander, die dort erstmals zu Besuch sind. Die 21-jährige Paula Becker, gebürtige Dresdnerin, ist aus Bremen angereist. Der fünf Jahre ältere Philipp Klein stammt aus Mannheim, lebt aber inzwischen in München. Seit 1892 verfolgt er dort nach einer missglückten Offizierslaufbahn seine Künstlerkarriere. Autodidaktisch will er sich in der Kunst entwickeln, nachdem die renommierte Münchner Akademie an Ansehen eingebüßt hat und seit 1892 die in der bayerischen Residenz gegründete Secession für mehr Freiheiten von angehenden Künstlern und vor allem auch Künstlerinnen sorgt. Doch ist dieser Weg ungleich schwieriger und die arrivierten Künstler schauen auf die junge Avantgarde herab.

Paula  

Paula Becker hat bis zu ihrer Ausbildung als Volksschullehrerin 1895 bereits privaten Malunterricht genommen. Kunstakademien waren für Frauen noch immer tabu. Ihre Eltern gehören wie die von Philipp Klein dem gehobenen Bürgertum an und ermöglichen ihr in Berlin ab 1896 sogar ein Studium an einer der dortigen Malschulen. Außerdem besucht Paula in Berlin fleißig Museen. Bereits 1893 hatte sie Bilder des Worpsweder Künstlerkreises gesehen.

Begegnung in Worpswede

Im Sommer 1897 ist Paula Becker zur Silberhochzeit ihrer Eltern in Bremen. Den Anlass nutzt die Familie zum Ausflug nach Worpswede. Aus diesem ersten Besuch werden zusammen mit einer Künstlerfreundin für Paula schließlich mehrere Wochen. Im Juli 1897 lernt sie bei einem gemeinsamen Mittagessen den 26-jährigen Philipp Klein kennen. Vermutlich hat dieser im Münchner Glaspalast 1895 die Ausstellung und den Erfolg der Worpsweder Künstlergruppe verfolgt, die sich 1897 zur Künstlervereinigung zusammenschließt. Neugierig geworden, hält er sich zusammen mit der erst 18-jährigen Kunstschülerin Adele von Finck in der Künstlerkolonie Worpswede auf. Die schon sehr selbstbewusste Adele nimmt Malunterricht bei Franz von Lenbach und hat die Hosen an. Wortwörtlich, denn auch bei ihrem gemeinsamen Zusammentreffen mit Paula Becker trägt sie damals schon Hosen. Paula amüsiert sich in ihrem Tagebuch köstlich über „die Hosendamen“ in ihren feministischen Beinkleidern, die eitel sind wie andere Frauen auch.

Philipp

Doch deren Begleiter scheint Eindruck auf Paula zu machen. „ […] ein hübscher Kerl mit weichen, frauenhaften Zügen und feinen, nervösen Händen, im braunen Sammetanzug“ schreibt sie in ihr Tagebuch. Sie beschreibt ihn gerade so, wie er sich ein Jahr später selbst in seinem Porträt darstellt: etwas schüchtern, aber mit aufmerksamem Blick und aufgezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Nichts deutet allerdings auf sein Künstlertum. Auf dem Bild erscheint der großbürgerliche Fabrikantensohn eher als gute Partie. Was er von Paula hält, ist leider nicht überliefert.

Getrennte Wege

Doch für beide gibt es keine gemeinsame Zukunft, obwohl sie sogar im gleichen Sternzeichen des Wassermanns geboren sind: Paula am 8. Februar, Philipp am 16. Februar.

Beide sind kreative Freigeister und verfolgen ihren Weg eigenständig und unkonventionell, doch nicht gemeinsam. Paula wählt Worpswede als Wahlheimat und heiratet 1901 Otto Modersohn, Künstler wie sie und inzwischen Witwer. Seine Malerei bewundert sie schon lange. Philipp zieht es dagegen wieder zurück nach München und Oberbayern. Worpswede scheint nicht seinen Vorstellungen zu entsprechen. 

Beide werden sich niemals wiedersehen und erst das Schicksal sorgt wieder für eine traurige Parallele. Beide sterben in jungen Jahren: Paula Modersohn-Becker im Spätjahr 1907, kurz nach der Geburt ihres Kindes. Philipp Klein rafft bereits im Frühjahr 1907 – auf der Höhe seines künstlerischen Erfolgs – eine damals noch unerforschte Krankheit dahin. 

2026 jährt sich der Geburtstag von Paula zum 150., von Philipp zum 155. Mal. In der Sonderausstellung „AUFGETAUCHT!“ treffen die beiden erneut aufeinander. Dort hängen ihre Werke noch bis 6. April Seite an Seite.

Neugierig geworden?

Nach mehr als 100 Jahren würdigt erstmals wieder eine große Präsentation das Werk des Malers Philipp Klein. Neben seinen Gemälden sind in der Ausstellung „AUFGETAUCHT!“ auch Bilder bekannter Zeitgenossen und Weggefährten zu bewundern – darunter Paula Modersohn-Becker, Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt. Die Schau ist noch bis 6. April 2026 zu sehen.
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