Das impressionistische Gemälde zeigt einen prustenden Mann mit Schnurrbart, der aus dem Wasser auftaucht.

„Weißblaue“ Seen – Sehnsuchtsort der Impressionisten

Unserer Sonderausstellung „AUFGETAUCHT!“ ist nur noch bis 6. April 2026 zu sehen. Zum Finale werfen wir einen Blick auf das Plakatmotiv und erzählen seine Geschichte. Was hat es mit dem „Mann beim Bade“ auf sich? Gemeinsam mit den Impressionisten reisen wir an die „weißblauen“ Seen.

Die Malerinnen und Maler des Impressionismus zog es in die Natur. Zum beliebten Ziel für Philipp Klein und seine Münchner Künstlerfreunde wurde um 1900 die oberbayerische Berg- und Seenlandschaft. Durch die Erfindung der Farbtube waren sie nicht mehr auf die Arbeit im Atelier beschränkt, sondern konnten im Freien ihre Eindrücke direkt auf Leinwand bannen. Philipp Klein sammelte am Chiemsee erste Erfahrungen in der Freilichtmalerei und traf dort auf Gleichgesinnte. Er besuchte auch eine der ältesten Malerkolonien, die sich auf der Insel Frauenchiemsee befand.

Mit der Eisenbahn an die Seen

Dank der Eisenbahnverbindungen wurden Chiemsee, Starnberger See und Ammersee von München aus beliebte Reiseziele für Künstlerinnen und Künstler sowie betuchte Feriengäste. Das besondere Licht dieser Region beeinflusste den deutschen Impressionismus – vergleichbar mit berühmten Wirkstätten des französischen Impressionismus. Künstler wie Slevogt, Corinth, Trübner und Liebermann ließen sich schon während ihres Münchner Studiums davon inspirieren. 

Damen in der Sommerfrische in eleganter Garderobe und in freier Natur waren beliebte Motive des Impressionismus. Die Lebensreformbewegung weckte ein neues Körperbewusstsein. Schwimmen wurde als Freizeitbeschäftigung populär. Selbst Prinzregent Luitpold von Bayern hielt sich damit bis ins hohe Alter fit.

Bernried – Lieblingsort der Künstlerbohème

Am Starnberger See zog der Ort Bernried ab den 1870er Jahren Künstler und Künstlerinnen um den Maler Wilhelm Leibl an. Die kleinste Gemeinde am See wurde seit 1852 von der bayerischen Seenschifffahrt und seit 1865 von der Eisenbahn angesteuert. Parallel dazu entstanden dort Sommersitze für die wohlhabenden Münchner Kreise. In der Villa Tanera des gleichnamigen Schriftstellers fand sich stets eine illustre Gesellschaft aus Kunst und Literatur zusammen. Der kreative Austausch dieser Künstlerbohème prägte den Weg ins 20. Jahrhundert.

Mann beim Bade

Hier malte Philipp Klein wohl 1899 auch das Bild „Mann beim Bade“, das das Plakat unserer Sonderausstellung „AUFGETAUCHT!“ ziert. Vieles deutet darauf hin, dass dieses ungewöhnliche Motiv in Bernried entstand und den schwimmenden Lovis Corinth zeigt, der im Sommer 1899 gemeinsam mit dem Schriftsteller Max Halbe in der Villa Tanera logierte. 

Auf alten Ansichten des kleinen Orts am Starnberger See sind am Ufer Holzschuppen der Fischer und Angler zu erkennen, die Badegäste gerne zum Umkleiden nutzten. Auf Kleins Bild ist ein hölzerner Unterstand zwischen Schilf und Buschwerk im Hintergrund zu erkennen, wo der Schwimmer Kleidung und Schuhe deponiert hat. Im Vordergrund sorgt der nackte Oberkörper mit seiner kräftigen Statur beim Auftauchen für kreisförmige Wellen, die sich als blaue Kringel im ansonsten seegrünen Wasser abzeichnen. Frappierend ist, wie authentisch Klein den Dargestellten mit bis zur Grimasse verzerrtem Gesicht dabei charakterisierte: den Mund zum Luftholen weit aufgerissen und die Augen geschlossen als Schutz vor dem Wasser, das über Haar und Schnurrbart läuft. Selbst die ausgeprägten Geheimratsecken sind ein markanter Hinweis auf Corinth. 

Ferner besitzt der „Mann beim Bade“ auffallend viele Übereinstimmungen zur Beschreibung in Max Halbes Lebenserinnerungen:

„[…] Der schwere, breitschulterige Mann mit dem mächtigen, birnenförmigen Schädel und dem herunterhängenden Tatarenschnurrbart hatte in seiner bärenhaften Grazie etwas Drolliges und zugleich Imponierendes. Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn nicht so leicht.“

Dazu passt ergänzend der Augenzeugenbericht von Halbes Tochter Anneliese. In Erinnerung an ihre Kindheit und jenen Sommer in Bernried beschreibt sie eine durchaus vergleichbare Badeszene:

„‚Onkel‘ Corinth war ein großer Schwimmer und brachte Teile des Tages im Wasser zu. Ich auch. Nur war ich mit vier Jahren noch keine Schwimmerin. Ich vergnügte mich so auf meine Weise, bis […] stets der gute ‚Onkel‘ Lovis aus der Tiefe des Wassers mit wildem Geschnauf auftauchte, mich aus dem flachen Wasser herausfischte und trotz meines fürchterlichen Schreiens auf seinen imposanten Rücken lud, und fort ging’s in die blauen und giftgrünen Fluten des Sees, weit hinaus. Mein Getöse auf seinem Rücken hinderte ihn nicht, nach rechts oder nach links aalgleich zu wenden, zu tauchen, wie ein Seelöwe, Wassersträhle um sich zu pusten, hinab in die Tiefe und wieder hinaufzuschießen […].“

Bei all diesen Beschreibungen hinterließ Corinth zweifellos einen prägenden Eindruck und erschien als imposantes Motiv. Die charakteristische Physiognomie des Schwimmers sowie die Parallelen zum geschilderten Ferienaufenthalt 1899 lassen deshalb vermuten, dass sich auch Philipp Klein damals in Bernried aufhielt bzw. gar im Tanera-Haus wohnte oder dort zu Besuch war.

Darüber hinaus deutet der dargestellte Moment auf ein relativ vertrautes Verhältnis zwischen Dargestelltem und Maler hin, der mit dem Bild zusätzlich seine Verbundenheit zum Ausdruck brachte. Die schriftliche Quellenlage ließ bisher allerdings keine endgültige Klärung zu, was einen gemeinsamen Aufenthalt in Bernried bzw. generell den Kontakt zwischen Corinth und dem 13 Jahre jüngeren Klein betrifft.

Neugierig geworden?

Nach mehr als 100 Jahren würdigt erstmals wieder eine große Präsentation das Werk des Malers Philipp Klein. Neben seinen Gemälden sind in der Ausstellung „AUFGETAUCHT!“ auch Bilder bekannter Zeitgenossen und Weggefährten zu bewundern – darunter Paula Modersohn-Becker, Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt. Die Schau ist noch bis 6. April 2026 zu sehen.
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