
Archäologie trifft Numismatik
Wer glaubt, dass Numismatik (Münzkunde) eine staubige Wissenschaft für vollgestopfte Vitrinen und Kataloge ist, der irrt gewaltig. Denn manchmal liegt das Geld tatsächlich auf der Straße – oder eben auf dem Acker. In einer Welt, in der historische Münzen nicht nur Zahlungsmittel vergangener Zeiten, sondern archäologische Schlüssel zur Rekonstruktion kultureller Zusammenhänge sind, entfaltet sich ein faszinierendes Forschungsfeld: die Fundnumismatik.

Ob auf gepflügten Feldern oder in städtischen Baulücken – Fundmünzen begegnen uns auch heute häufig. Sie sind stille Botschafter vergangener Gesellschaften. Damit ihre Botschaft verstanden und weitergegeben werden kann, braucht es Wissenschaft: Bestimmung, Dokumentation, Konservierung, Auswertung.
Die Springschool „Das Geld liegt auf der Straße. Zum wissenschaftlichen Umgang mit Fundmünzen“ – ausgerichtet vom 12. bis 14. März 2025 durch den Numismatischen Verbund in Baden-Württemberg – zeigte, wie aus Fundmünzen Museums- und Forschungsobjekte werden und damit greifbare Geschichte für alle. Die Springschool richtete sich an Studierende und Promovierende archäologischer und historischer Disziplinen.
In von Experten geleiteten Lehr- und Workshop-Einheiten sowie Führungen wurden die Methoden der Bestimmung und Analyse von Münzen, die digitale Erfassung und Präsentation in Datenbanken und Online-Portalen, die Sammlungs- und Ausstellungsstätigkeit sowie die Rechtsgrundlage im Umgang mit Fundmünzen vorgestellt. Die Vermittlung dieser Aspekte erfolgte epochenübergreifend anhand verschiedenster Originalobjekte aus der Antike, der Zeit der Kelten, dem Mittelalter und der Neuzeit. Für die wissenschaftliche Dokumentation und Erschließung des archäologischen und historischen Kontextes von Fundmünzen sowie für den konservatorisch korrekten Umgang mit den Objekten bedarf es besonderer Kenntnisse. Als Teil des Programms wurden den aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmenden besondere Einblicke in die Grabungstätigkeit der rem-Archäologen und in die archäologischen Restaurierungsateliers ermöglicht.
Manchmal liegt das Geld auch auf dem Feld
Im Rahmen einer archäologischen Prospektion unter fachlicher Anleitung durch die rem-Archäologen Dr. Klaus Wirth und Benedikt Stadler wurden die Teilnehmenden in die Dokumentation, Einmessung und Bergung von Münzen am Fundort geschult. Die auf einem Feldstück bei Mannheim durchgeführte Maßnahme war zu diesem Lehrzweck vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg genehmigt worden. Die im umgepflügten Ackerboden liegenden, bei Feldarbeiten aus ihrem archäologischen Kontext gerissenen Münzen wurden mit geeigneten Werkzeugen vorsichtig vom Erdmaterial befreit. Anschließend wurde der mit einem Fähnchen markierte Fundpunkt mit einer GPS-Antenne eingemessen und in einem Dokumentationssystem erfasst.
Zumeist fanden sich Metallobjekte aus nachantiker, moderner Zeit. Umso größer war die Freude, als die Prospektion tatsächlich wenige Münzen aus der Antike, dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert zu Tage förderte. Auch einige Plomben mit unterschiedlichen Signaturen aus dem 19. Jahrhundert gesellten sich zu den spannenden Funden. Nachdem erste Angaben zu Identifizierung und Bestimmung der Münzen erhoben und Informationen zum Fundort dokumentiert worden waren, wurden sie verpackt und in die Räume der Abteilung Archäologische Denkmalpflege und Sammlungen überführt.



Nicht jede Münze ist ein „echter“ Römer
Zur Überraschung aller brachte die Prospektion eine außergewöhnliche Fundmünze aus römischer Zeit zu Tage. Das nur 1,51 x 1,49 x 0,2 cm (Länge, Breite, Dicke) große Geldstück konnte direkt auf dem Feld als Tetricus aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. bestimmt werden. Unmittelbar nach dem Eingang in die Restaurierungswerkstatt konnten die Teilnehmenden das gute Stück sowie eine weitere Münze unter einem Mikroskop betrachten. Allerdings handelt es sich bei „unserem“ Tetricus um eine Imitation aus antiker Zeit, die nicht in einer offiziellen Münzstätte hergestellt wurde.
Im 3. Jahrhundert war unter anderem der linksrheinische Raum Teil des sogenannten Gallischen Sonderreiches (260 bis 274 n. Chr.). Mannheim – jenseits des Rheins – lag gerade so außerhalb, aber war natürlich Teil desselben Wirtschaftsraums. Diese Region wurde durch die Abspaltung vom offiziellen Römischen Reich nun aber durch sogenannte Sonderreichskaiser regiert und auch nicht mehr mit offiziellem römischen Geld versorgt. Zwar versuchten die Gallischen Kaiser – unter ihnen Tetricus, der 271 bis 274 n. Chr. regierte, – ausreichend Münzen für ihren Herrschaftsraum zu produzieren, jedoch offenbar ohne Erfolg. Vor allem nach dem Ende des Gallischen Sonderreichs 274 n. Chr. blieb das Problem in der Region bestehen, weswegen wahrscheinlich sogar bis ins frühe 4. Jahrhundert hinein Imitationen der Prägungen von Tetricus – sogenannte Tetrici – umliefen. Wir können heute also nur mit Sicherheit sagen, dass diese Nachahmungen nach 274 n. Chr. ausgeprägt worden sein müssen. Gleichzeitig beweisen sie aber, dass das Fundareal um 300 n. Chr. bewohnt oder zumindest begangen wurde.


Da auf dem Avers – also der Münzvorderseite – der Dargestellte keinen Bart trägt und recht jung ist, handelt es sich um Tetricus II, den Sohn von Tetricus I. Er wurde 273/274 n. Chr. als Nachfolger aufgebaut und für ihn wurden in diesem Zeitraum ebenfalls Münzen ausgeprägt. Auch diese wurden – wie hier eindrücklich zu sehen – häufig imitiert. Ganz typisch für diese Zeit ist die große Strahlenkrone. Der Revers – also die Münzrückseite – zeigt eine weibliche Personifikation. Sie steht frontal und schaut nach rechts. Typisch für Imitationen ist die Figur von den Proportionen her nicht sehr gut dargestellt: Ihre linke Hand ist viel zu groß, die linke Brust ist zwischen Rumpf und Arm zu sehen. Zudem ist der Schrötling (Münzrohling) offenbar zu klein, sodass weder auf dem Avers, noch auf dem Revers die Umschrift (Legende) ganz auf die Münze geprägt wurde. Hinzu kommt – als ebenfalls typischer Imitationsindikator – die kaum lesbare und mitunter unsinnige Buchstabenkombination. Das genaue Vorbild dieser Prägung ist nicht eindeutig festzustellen. Möglicherweise handelt es sich bei der weiblichen Personifikation auf dem Revers um eine Spes (personifizierte Hoffnung) oder Hilaritas (personifizierte Heiterkeit).
Aber ganz gleich, was nun das genaue Vorbild für den mäßig talentierten Stempelschneider war, die Münze zeigt, dass man sich in der Antike zu helfen wusste: War nicht genügend Kleingeld vorhanden, machte man es eben selbst! Es handelt sich also nicht um Fälschungen im eigentlichen Sinne, sondern viel eher um eine Art „Notgeld“. Ein spannender Aspekt der antiken Wirtschaftsgeschichte, der oft noch zu wenig Beachtung erhalten hat. So vermögen die Imitationen des 3. Jahrhunderts oft vermeintliche Münzreihenlücken um 300 n. Chr. zu schließen und beweisen Siedlungskontinuitäten, wo früher oft Siedlungsaufgaben vermutet wurden, weil die oft sehr kleinen und wegen der schlechten Legierungen meist mäßig erhaltenen Tetrici nicht gefunden oder katalogisiert wurden.

Nach dem Fund ist vor der Arbeit
Eine Führung hinter die Kulissen der Abteilung sollte den Workshop-Teilnehmenden vermitteln, wie es mit den selbst entdeckten Münzfunden nach der Fundbergung weitergeht. Dabei erhielten sie einen Einblick in die vielseitigen Tätigkeiten, die ein kaum öffentlich sichtbarer, aber essenzieller Teil denkmalpflegerischer, konservatorischer und musealer Arbeit sind.
Hier türmen sich meist Funde, die von den rem-Archäologen bei Begleitungen von Baumaßnahmen geborgen und vor ihrer Zerstörung bewahrt werden. Um sie langfristig zu erhalten und Wissenschaftlern sowie Museumsbesuchern durch Veröffentlichungen und Ausstellungen zugänglich machen zu können, müssen sie inventarisiert, dokumentiert, fotografiert und einer konservatorischen Nachsorge und Lagerung zugeführt werden. Nach dem Eingang ins Museum werden die Funde entsprechend ihrer Materialität wie zum Beispiel Keramik, Glas, Knochen, botanischen Makroreste oder Metall getrennt.
Entsprechend des Schwerpunktthemas der Springschool erhielten die numismatisch begeisterten Studierenden explizite Einblicke in den musealen Eingang „ihrer“ Fundmünzen sowie in die Versorgung von Frischfunden aus Metall. Die Aspekte der konservatorischen Versorgung und Restaurierung von Metallobjekten wurden am Beispiel eines 2006 im Block geborgenen Schwertes – eine so genannte Spatha – aus Eisen aus dem frühmittelalterlichen Gräberfeld „Hermsheimer Bösfeld“ erläutert.
Das circa 900 Bestattungen mit vielfältigen Beigaben umfassende Gräberfeld wurde zwischen 2002 und 2005 auf dem Gebiet der heutigen SAP-Arena in Mannheim-Seckenheim ausgegraben. Die Freilegung der Spatha aus dem Sedimentblock sowie die Dokumentation und Konservierung der Funde und Dekorelemente des Schwertgehänges sind ein arbeits- und zeitintensiver Prozess, der sich lohnt.
Ein Großteil der restaurierten Grabfunde vom Mannheimer Bösfeld können in der Ausstellung „Versunkene Geschichte – Archäologie an Rhein und Neckar“ im Museum Weltkulturen in D5 dauerhaft besichtigt werden.

Fazit: Fundnumismatik macht Lust auf mehr
Nach drei intensiven Tagen ging es für die Teilnehmenden zurück an ihre Unis – mit dreckigen Schuhen, neuen Erkenntnissen und echtem Praxisbezug im Gepäck. Viele waren überrascht, wie greifbar, spannend und vielseitig Fundnumismatik sein kann. Klar ist: Die Münzen haben Eindruck hinterlassen – nicht nur im Boden, sondern auch im Kopf. Die Mischung aus musealer, konservatorischer und numismatischer Praxis, Austausch und neuen Perspektiven machten die Tage nicht nur lehrreich, sondern auch inspirierend. Mit frischem Wissen, einem geschärften Blick und einer gehörigen Portion frischer Motivation ging es zurück in den Uni-Alltag – und für manche vielleicht direkt mit neuen Ideen für die nächste Haus- oder Abschlussarbeit. Denn: Fundnumismatik macht Lust auf mehr.
Neugierig geworden?
Erfahren Sie mehr über die Archäologische Denkmalpflege an den rem.
Besuchen Sie das rem-Team bei einer Grabung. Film-Reportage und Audio-Podcast gewähren Ihnen spannende Einblicke in die Arbeit unserer Archäologen.
Zu den digitalen Angeboten
Außergewöhnlichen Funde aus Mannheim und der Umgebung können Sie in der Ausstellung Versunkene Geschichte bewundern.


