Bild einer archäologischen Grabungen, bei der Skelettfunde aus dem Boden herausragen

Der Tote vom Lindenhof

Vor 20 Jahren machte unser Archäologen-Team auf dem Mannheimer Lindenhof eine Entdeckung, die bis heute noch Rätsel aufgibt. Was hat es mit dem Skelettfund auf sich? Verschiedene Untersuchungen und Analysen brachten unter anderem Erkenntnisse zu Alter, Größe und Herkunft.

Dass Mannheim immer wieder für archäologische Überraschungen gut ist, zeigte sich am 13. Februar 2006, als bei Renovierungsarbeiten im Keller eines Hauses in der Torwiesenstraße 9 ein menschliches Skelett entdeckt wurde. Die herbeigerufenen Archäologen und ehrenamtlichen Helfer der Reiss-Engelhorn-Museen bargen neben den Knochen noch ein Messer und eine in drei Teile zerfallene Gabel. Das Besteck soll im Schritt des Toten gelegen haben. Das Besteck selbst war durch die lange Lagerung im Boden stark korrodiert. Allerdings fehlten einige Teile des Skeletts – etwa der Schädel. Vermutlich sind sie bei früheren Arbeiten am Haus in den Jahren 1912/13 verloren gegangen. Neben einem Textilrest am Besteck fiel den Experten außerdem eine grünliche Verfärbung eines nicht mehr erhaltenen Kupfergegenstands an der rechten Rippe auf.

Was die Knochen verraten

Mit dem Fund begann die Analyse, um mehr über den Toten zu erfahren. Die 14C-Analyse datierte die Überreste auf etwa 1550 +/- 60 n. Chr. Zu dieser Zeit war das Gebiet unbebaut und von Binnengewässern und Altarmen von Rhein und Neckar durchzogen. Mittels der sehr gut erhaltenen Knochen konnten Parameter wie das Geschlecht, das Alter und die Größe des Verstorbenen bestimmt werden. Anhand von Knochenmerkmalen konnte man auf einen Mann schließen und der Abrasionsgrad der Zähne legte ein Alter zwischen 20 und 30 Jahre nahe. Auf Basis der Knochenlängen – speziell des Oberschenkels (femur) – wurde die Größe von den Experten auf etwa 167 cm geschätzt.

Die Knochen erzählen aber auch Interessantes über die Lebensweise des Toten. So sprechen eine ganze Reihe an anatomischen Veränderungen dafür, dass der Mann häufig geritten ist. Weitere anatomische Anomalien konnten leider nicht eindeutig einer bestimmten Verhaltensweise zugeordnet werden. Auch konnten keine Frakturen oder andere pathologische Befunde festgestellt werden, die auf die Todesumstände durch Gewalt oder Krankheit Rückschlüsse erlauben würden. 

Textilrest

Eine Analyse des Textilrestes mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops konnte das Gewebe als Bastfaser in der Art von Leinen oder Nessel identifizieren. Ob es sich um Reste eines Kleidungsstückes handelte oder ob sie Teil einer Umhüllung wie eine Stofftasche für das Besteck waren, ließ sich leider nicht abschließend klären.

Messer & Gabel

Die Untersuchung des Messers offenbarte weitere interessante Spuren. Klinge und Griff enthielten je eine Schmiedemarke, die als Qualitätsstempel dienten oder als Handwerkerzeichen aus unterschiedlichen Arbeitsschritten zu interpretieren sind.

Die Gabel wurde als Griffzungengabel identifiziert. Nach sorgfältiger Überlegung entschieden sich die Experten für die ästhetische Restaurierung des Bestecks.  Auch wenn es gute Gründe geben kann, einen gefundenen Gegenstand in seinem Auffindungszustand zu belassen, so erlaubt seine Restaurierung dem Betrachter doch, einen unmittelbaren Bezug zum Objekt herzustellen.

Was wissen wir über den „Toten vom Lindenhof“?

Insgesamt ergab sich nach Sichtung aller Ergebnisse folgendes Bild: Der „Tote vom Lindenhof“ war ein etwa 20- bis 30-jähriger Mann von circa 167 cm Größe, der im 16. Jahrhundert gelebt hat. Da er viel geritten ist, stammt er wahrscheinlich aus einem adeligen Umfeld. In diesem Kontext lässt das beiliegende Besteck vermuten, dass er als Fürschneider gearbeitet hat, beispielsweise auf der nahe gelegenen Burg Eichelsheim. Fürschneider hatten die Aufgabe, die Speisen für ihren Herren zurechtzuschneiden und ansehnlich zu kredenzen – eine typische Tätigkeit für einen jungen Adeligen seiner Zeit. Daneben gehörten in seinen Aufgabenbereich auch die Reinigung des Essplatzes nach der Mahlzeit und vermutlich das Vorkosten der Speisen. Da er anscheinend nicht in der Nähe einer Kirche auf freiem Feld und ohne Sarg beigesetzt wurde, handelt es sich um eine Sonderbestattung, die allerdings eher im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges oder bei Hingerichteten bekannt sind. Der fehlende Kopf lässt hier natürlich Raum für Spekulationen.

Mit dem Fund und der Arbeit der Expertinnen und Experten der Reiss-Engelhorn-Museen und seiner ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnte somit ein weiteres kleines Puzzleteil Mannheimer Geschichte entschlüsselt werden. Es bleiben aber weiterhin rund um den „Toten vom Lindenhof“ noch viele Fragen offen.

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Lesetipps

  • K. Wirth, C. Röber, S. Mitschke, H. Süß, K. W. Alt und M. Grünewald: Der Tote vom Lindenhof in Mannheim / In: Mannheimer Geschichtsblätter 44, 2022, S. 129–143