Ein Pionier und die Zukunft digitaler Museumspublikationen

Die Art und Weise, wie Museen Wissen generieren, kuratieren und teilen, befindet sich in einem steten Wandel – angetrieben durch neue technologische Möglichkeiten und veränderte Erwartungen des Publikums. Digitale Technologien eröffnen dabei grundlegend neue Wege, um Sammlungen zu präsentieren und Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In diesem Kontext haben wir an den Reiss-Engelhorn-Museen ein bewusst experimentelles Projekt realisiert: „Köstliche Details: Filigrane Mannheim-Ansichten durch die Linse“. Diese digitale Publikation wurde mit der Open-Source-Plattform Quire  erstellt, welche vom Getty entwickelt und betrieben wird. Sie lädt dazu ein, Objekte in bislang nie dagewesener Detailtiefe zu entdecken. Gleichzeitig wirft sie grundlegende Fragen zur Zukunft der wissenschaftlichen Publikationspraxis in Museen auf und versteht sich als Beitrag zu dieser wichtigen Debatte.

Der Blick durch die Lupe: Inhalt und Konzept

Im Zentrum unserer Publikation stehen Andenkengläser des 19. Jahrhunderts aus den Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen. Diese auf den ersten Blick oft unscheinbaren Objekte entfalten erst bei genauer Betrachtung ihre ganze Faszination. Als Träger von Mannheimer Stadtansichten erzählen feinste Gravuren, Schliffe und Inschriften von Reisen, Bauwerken, Freundschaften und persönlichen Erinnerungen. Sie sind materielle Zeugnisse einer bürgerlichen Kultur.

Um diese verborgenen Narrative sichtbar zu machen, enthüllen hochauflösende Makrofotografien die namensgebenden „köstlichen Details“, die dem bloßen Auge sonst verborgen blieben. Dies gilt z.B. bereits auf der Titelseite für den Hemmerschen Blitzableiter auf dem Turm der Lutherischen Kirche in Mannheim. Die digitale Umgebung erlaubt es den Nutzerinnen und Nutzern, stufenlos in die Bilder zu zoomen, die Oberflächenstruktur des Glases zu erkunden und die handwerkliche Meisterschaft der Graveure bis ins kleinste Detail zu bewundern. So wird eine visuelle Analyse möglich, die in einer physischen Vitrine undenkbar wäre. Wichtig war außerdem, die Optik der Betrachter anzusprechen. Die Fotos sind gleichsam Kunstwerke für sich. Ergänzt werden diese visuellen Erkundungen durch kurze, prägnante Texte, die die Objekte historisch und kulturwissenschaftlich einordnen.

Das Werkzeug: Publizieren mit Quire

Für die technische Umsetzung fiel unsere Wahl auf Quire. Diese vom Getty entwickelte Plattform ist speziell darauf ausgelegt, digitale Publikationen zu erstellen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und gleichzeitig visuell ansprechend und interaktiv sind. Als Open-Source-Werkzeug fördert es zudem den Austausch und die Nachnutzung innerhalb der Museumsgemeinschaft. Quire verfolgt einen Multi-Format-Ansatz: Inhalte werden einmal erstellt und können dann flexibel für das Web oder als druckfertige PDF ausgegeben werden.

Dieser Ansatz hat entscheidende Vorteile. Er ermöglicht nicht nur eine breite und barrierearme Distribution über verschiedene Endgeräte hinweg, sondern sichert auch die langfristige Archivierbarkeit der Forschungsergebnisse. Während eine Website naturgemäß vergänglich sein kann, garantiert das PDF-Format eine stabile, zitierfähige Version, die den etablierten Konventionen des wissenschaftlichen Publizierens entspricht. Die Web-Version hingegen kann das Potenzial des Digitalen voll ausschöpfen: interaktive Bilder, flexible Layouts und die Möglichkeit zur Einbindung weiterer multimedialer Inhalte. So wird derselbe Inhalt für unterschiedliche Nutzungs- und Rezeptionskontexte optimiert.

Die Debatte: Ein neues Paradigma für Museumspublikationen?

Mit „Köstliche Details“ möchten wir uns aktiv an der Debatte über die Zukunft des Publizierens im Museum beteiligen. Die traditionelle, oft kostspielige und zeitaufwendige Produktion gedruckter Kataloge und Monografien wird zunehmend durch digitale Formate ergänzt. Doch was bedeutet dieser Wandel für die Wissenschaftlichkeit und Dauerhaftigkeit musealer Forschungsarbeit und wie lässt sich die Lücke zwischen der Schnelllebigkeit des Digitalen und dem Anspruch auf Dauerhaftigkeit in der Forschung schließen?

Wir sind überzeugt, dass digitale Publikationen wie unsere die Chance bieten, Sammlungen dynamischer, visueller und zugänglicher zu präsentieren. Sie ermöglichen es, Forschungsprozesse transparenter zu gestalten und Objekte in einer Weise zu vermitteln, die im analogen Ausstellungsraum oder im gedruckten Buch nicht möglich wäre. Gleichzeitig stellen sich dringende Herausforderungen hinsichtlich der Etablierung von Standards für die Qualitätssicherung, der langfristigen digitalen Archivierung und nicht zuletzt der Anerkennung solcher Formate in der akademischen Welt.

Unser Projekt ist daher mehr als nur eine Objektdokumentation. Es ist ein Plädoyer dafür, die Potenziale digitaler Publikationen mutig zu erproben und kritisch zu reflektieren. Es versteht sich als ein praktischer Beitrag und ein Experiment, das aufzeigen soll, wie Museen ihre Rolle als Wissensspeicher und -vermittler aktiv und zukunftsfähig gestalten können.

Wir laden Sie herzlich ein, unsere Publikation zu erkunden und mit uns in die Diskussion einzutreten.

Neugierig geworden?

Die digitale Publikation „Köstliche Details: Filigrane Mannheim-Ansichten durch die Linse“ finden Sie unter:
https://koestliche-details.rem-mannheim.eu/

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