
Frauenleben im Extremen
Wüsten zählen zu den lebensfeindlichsten Naturräumen der Erde – Landschaften, in denen alles auf das Wesentliche reduziert ist. An diesem Spannungsfeld setzt die Fotografin Margaret Courtney-Clarke mit ihrer Langzeitdokumentation „Geographies of Drought“ an. Im Fokus stehen Frauen, die ihren Alltag in den unwirtlichen Wüsten Namibias meistern – mit Würde und unerschütterlicher Widerstandskraft.

Dorothea Papier feiert ihren Geburtstag an ihrem Verkaufsstand am Straßenrand.
Black Ranch, Position Nr. 2, ländliche Spitzkoppe, ǂGaingu Conservancy (Schutzgebiet), Region Erongo
© Margaret Courtney-Clarke
Ihre bisweilen surreal anmutenden, oft tief berührenden Fotografien dokumentieren nicht nur, sie sezieren das Leben in einer unwirtlichen Landschaft, die von Kargheit, Hitze und radikaler Ausgesetztheit geprägt ist. In klaren, beinahe nüchternen Bildern legt Margaret Courtney-Clarke Zeugnis ab von einer Welt, in der alles auf das bloße Überleben ausgerichtet scheint. Es entstehen Aufnahmen von leiser, aber eindringlicher Kraft, die sowohl die Fragilität als auch die Resilienz menschlicher Existenz sichtbar machen.
Dabei widmet sie vor allem den Frauen und ihren Lebenswelten besondere Aufmerksamkeit. Dies gilt umso mehr für jene Frauen, die ihren Alltag in den unwirtlichen Wüsten Namibias bewältigen: bei der Betreuung ihrer Kinder, beim Hüten des Viehs, beim Bestücken improvisierter Verkaufsstände mit Halbedelsteinen oder Handarbeiten oder beim Tanzen am Straßenrand, um die Aufmerksamkeit vorbeifahrender Touristinnen und Touristen zu erregen – stets in der Hoffnung auf ein wenig Einkommen.

Emsi Tjambiru und Beverly Tjivinde tanzen auf der Straße nahe ihres Handwerksstandes, um Reisebusse auf sich aufmerksam zu machen.
Grashoek, Nǂa Jaqna Conservancy (Schutzgebiet), Tsumkwe West, Region Ojozondjupa
© Margaret Courtney-Clarke
Haltung, Würde und unerschütterliche Widerstandskraft
Die Haltung, Würde und unerschütterliche Widerstandskraft, mit der diese Frauen ihren Alltag meistern, stehen im Zentrum von Courtney-Clarkes Fotografien. Sie verdichten sich zu jener Kernaussage, die die Fotografin selbst formuliert:
„Die Lebenswelt der Menschen, die ich fotografiere, ist geprägt von einer unbarmherzigen Umgebung, in der das Überleben ungewiss ist: wenig oder kein Regen, Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, Menschen, die vom Staat vergessen werden und gezwungen sind auszuwandern, um der Leere zu entfliehen […]. Ihr einziger Halt ist die Erwartung, dass das Leben trotz aller Widrigkeiten weitergehen wird.“
Leise, private Momente
Courtney-Clarkes künstlerische Herangehensweise gründet nicht auf flüchtigen Momenten, sondern auf Respekt, tiefem Verständnis, bedingungslosem Vertrauen und einer behutsamen Annäherung an ihr Gegenüber. Bevor sie zum ersten Mal die Kamera hebt, verstreichen nicht selten Tage oder Wochen. So sind es häufig die leisen, privaten Momente, die sie mit ihrer Kamera festhält – etwas die intime Zweisamkeit von Großmutter und Enkelsohn, die sich auf einer dünnen Plane am Boden zu einem Nickerchen hingelegt haben.
Der spärliche Schatten des Baumes, unter dem sie ihr hartes Lager aufgeschlagen haben, spendet nur wenig Schutz vor der gleißenden Sonne. Doch für Martha Gathone und ihren Enkel, die im Zuge der namibischen Landreform heute auf einer Umsiedlungsfarm für die lokalen Gemeinschaften der San und Damara leben müssen, bietet der Schlaf eine kurze Flucht aus dem harten und entbehrungsreichen Alltagsleben. Es ist ein Rückzug in eine unbeschwerte Stille, die man nicht stören möchte und aus der man sich selbst als außenstehender Betrachter behutsam und leise zurückzieht.

!Uoa !Ga-ǀham (Martha Gathone, laut ihrem amtlichen Ausweis, geb. 1958) und ihr Enkel machen ein Nickerchen
im Schatten eines Baumes auf der Blouberg Farm (Umsiedlungsfarm, Eigentumsverhältnisse umstritten).
Region Omaheke
© Margaret Courtney-Clarke
All I have is Smoke
Geradezu zu einem Manifest für Margaret Courtney-Clarkes Respekt vor dem Leben der Frauen in der Wüste – hier der Kalahari – wird die in Schwarz-Weiß fotografierte Serie „All I have is Smoke“ aus dem Jahr 2019. Sie porträtiert Frauen bei einer ihrer alltäglichen Beschäftigungen: dem Rauchen. In intimen Close-Ups halten die Frauen selbstgedrehte, teils übergroße Zigaretten zwischen ihren Fingern. Die Strapazen des Lebens haben sich als tiefe Falten in ihre Haut eingeschrieben. Ihre Hände erzählen von harter, entbehrungsreicher Arbeit, ihre Körper wirken ausgezehrt und zusammengeschrumpft. Und doch sitzen sie mit erhobenem Haupt vor der Kamera und strahlen mit jedem Zug eine unerschütterliche Würde und Ruhe aus, die sie über alle Widrigkeiten zu erheben scheint – eine Haltung, mit der sie dem Leben die Stirn geboten haben und dies bis ins hohe Alter tun.

Katrina Nxase (geb. 1944), „Gebore in die veld, nie op die plaas nie.“ („In der Steppe geboren, nicht auf einer Farm.“)
Epukiro Pos-3, Region Omaheke
© Margaret Courtney-Clarke

Die 69-Jährige ǀAsa !Amace wurde als Zehnjährige zwangsweise an ihren heutigen Wohnort umgesiedelt, wo illegale Viehzüchter inzwischen die Kontrolle übernehmen.
Grashoek, Nǂa Jaqna Conservancy (Schutzgebiet), Tsumkwe West, Region Ojozondjupa
© Margaret Courtney-Clarke
Die Ausstellung „Margaret Courtney-Clarke: Geographies of Drought” wird erstmals bei ZEPHYR – Raum für Fotografie präsentiert und läuft noch bis zum 5. Juli 2026. Sie ist der Gewinnerbeitrag des Open Call „Namibia – A Photographic View“, den die Reiss-Engelhorn-Museen gemeinsam mit der Abteilung für Kultur und Tourismus der Stadt Windhoek im Rahmen ihrer Projektpartnerschaft 2024 ausgerufen hatten. Im Anschluss an die Präsentation in Mannheim ist die Schau in der namibischen Hauptstadt zu sehen.
Neugierig geworden?
Die Sonderausstellung „Margaret Courtney-Clarke: Geographies of Drought” ist noch bis 5. Juli 2026 in unserer Galerie ZEPHYR zu sehen.
Mehr zur Ausstellung
Zur Ausstellung gibt es natürlich auch ein Begleitprogramm.
Alle Termine im Überblick
Anlässlich des Internationalen Frauentags stellen wir Ihnen am 8. März 2026 starke Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen vor – von der altägyptischen Königin Nofretete über die Forschin Jane Goodall bis zu den Frauen aus der namibischen Wüste.
Mehr zur Veranstaltung
Auch auf unserer Webseite begegnen Ihnen starke Frauen – in unserer Blog-Reihe und in unseren Audio-Podcasts.


