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| Prof. Dr. Claude W. Sui

Der Hafen von Beirut

Vor einem halben Jahr – am 4. August 2020 – erschütterte eine Explosion Beirut. Große Teile der libanesischen Hauptstadt lagen in Trümmern. Eine historische Fotografie aus den rem-Sammlungen zeigt den Hafen von Beirut um 1875. Aufnahmen wie diese sind für die Forschung von unschätzbarem Wert und ermöglichen eine Rekonstruktion von Gebäuden.

Der Hafen von Beirut, Albuminabzug, Félix Bonfils, um 1875

Der alte Hafen von Beirut

Der Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut ist der größte Seehafen des Landes. Bereits seit dem 15. Jahrhundert v. Chr. spielte er eine wichtige wirtschaftlich-strategische Rolle. Im Römischen Reich entwickelte er sich zu einem bedeutenden Handels- und Wirtschaftszentrum und wurde später zum wichtigen Stützpunkt der ersten arabischen Flotte im Mittelmeer unter dem umayyadischen Kalifat in Damaskus. Der Hafen bildete einen besonderen wirtschaftlichen Knotenpunkt, der sowohl von den Kreuzrittern als auch von den Mameluken – Sklavensoldaten unter islamischer Herrschaft – genutzt und hart umkämpft wurde.

Während der Zeit des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert wurde der Hafen Beiruts modernisiert und neu ausgebaut. Am 19. Juni 1887 kam es zur Gründung der französischen Gesellschaft „Compagnie du Port, des Quais et des Entrepôts de Beyrouth“.

Félix Bonfils – französischer Fotograf im Orient

Félix Adrien Bonfils (1831 - 1885) war ein französischer Fotograf und Schriftsteller, der im Nahen Osten tätig war. Er war einer der ersten kommerziellen Fotografen, der Bilder des Nahen Ostens in großem Umfang produzierte. Seine Arbeiten waren bei den Touristen beliebt, die in diese Länder reisten und Fotos als Souvenirs erwarben.

Seine Beirut-Aufnahme entstand höchstwahrscheinlich im Zeitraum der Hafenmodernisierung. Im Einsatz hatte er eine sperrige Reiseplattenkamera mit einem Holzstativ. In die Kamera wurde eine Holzkassette mit einem eingelegten Glasnegativ hinter die Bildschirmmattscheibe, auf der sich kopfstehend und spiegelverkehrt die Außenwelt abbildete, geschoben, belichtet und dann zuhause im Fotolabor entwickelt. Das Foto wurde durch das sogenannte trockene Kollodiumverfahren, das gängigste in jener Zeit, aufgenommen. Danach wurde ein hauchdünnes lichtempfindliches Fotopapier, welches mit Eiweiß (d.h. Ovalbumin) bestrichen wurde, direkt auf das Glasnegativ gelegt, dem Sonnenlicht ausgesetzt, so dass das Motiv des Glasnegativs direkt auf das Fotopapier auskopiert werden konnte.

Durch diese Aufnahmetechnik entstand eine durchgängige Bildschärfe sowohl im Vorder-, Mittel- als auch Hintergrund. Der Detailreichtum ist bis heute unübertroffen.

Fotografie als lebendiges Gedächtnis der Menschheit

Solche alten Aufnahmen haben in vielerlei Hinsicht einen unschätzbaren Wert. Sie sind ein historisches Dokument und geben den Zustand eines bestimmten Zeitabschnitts aus der Vergangenheit wieder. Für Archäologen, Historiker und Städteplaner werden diese Albuminabzüge zu einer wahren Fundgrube und bilden ein lebendiges Archiv der Erinnerung und des Einst-Gewesenen. Zugleich dienen die Fotografien in ihrer Zweidimensionalität heute als eine unschätzbare Vorlage, um zerstörte Gebäude, Tempelanlagen sowie Stadtteile durch diverse 3-D-Scanverfahren in eine Drei-Dimensionalität umzusetzen. Die Fläche der Fotografie wird mit der Laserscanningmethode abgetastet, so dass Daten zum Objekt wie Form und Textur aufgenommen werden, die es schließlich ermöglichen, dreidimensionale Objekte digital nachzubilden.

Diese Umwandlung vom Zwei- ins Drei-Dimensionale vermag es, zerstörte Häuser, Denkmäler, Statuen und Plätze in ihrer ursprünglichen Dimension zu rekonstruieren. Gerade vor dem Hintergrund von Naturkatastrophen, Kriegen oder Zerstörung – wie beispielsweise durch den sogenannte Islamische Staat (IS), der Kulturgüter gezielt zerbombt hat – kann auf diesen Trümmern ein Neuaufbau dank modernster Scanningmethoden errichtet werden.

4. August 2020 – Explosion erschüttert Beirut

Bonfils Blick auf den Hafen von Beirut zeugt von einer sachlichen, eher unspektakulären Dokumentationsaufnahme. Sie bekommt allerdings vor dem Hintergrund der furchtbaren Explosionskatastrophe am 4. August 2020, als die Welt den Atem anhielt, eine völlig andere Aktualität und Bedeutung. Die Explosion verursachte einen 40 m tiefen Krater im Hafen. Die Detonation und ihre Druckwelle konnten in mehreren hunderten Kilometern Entfernung bis nach Zypern wahrgenommen werden. Der libanesische Innenminister Mohammed Fahmi gab an, dass im Hafen 2750 Tonnen Ammoniumnitrat bereits seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen gelagert wurden, die als Ursache der Explosion in Betracht kommen. Weite Teile der Stadt sind zerstört, viele Menschen erlitten schwere Blessuren oder kamen ums Leben.

Dank dieses Albuminabzugs und weiterer Fotografien von der Stadt Beirut wird eine Art Bild-Archäologie, bei der die Ausgrabungsarbeiten nicht mehr vor Ort, sondern größtenteils in historischen Aufnahmen stattfinden, zum Tragen kommen können.

Autor: Professor Dr. Claude W. Sui ist Leiter des Forum Internationale Photographie, das einen besonderen Schatz beherbergt: rund 4.000 historische Reisefotografie des 19. Jahrhunderts.

Neugierig geworden?

Mehr über die Sammlung historischer Reisefotografien erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Die Beirut-Aufnahme und weitere ausgewählte Bilder der Sammlung sind in der Sonderausstellung In 80 Bildern um die Welt zu bewundern.

Audio-Podcast und Video geben einen Vorgeschmack.

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