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| Franziska Kothe

Die Schlacht bei Hastings: eine Geschichte über Stolz und Niederlage

Im Herbst 2022 öffnet die Sonderausstellung "Die Normannen" in Mannheim ihre Tore. Zur Vorbereitung besucht das Projektteam wichtige Orte, an denen die Normannen Geschichte geschrieben haben. Auch eine Reise nach England darf natürlich nicht fehlen. Bei Hastings wird jedes Jahr die berühmte Schlacht von 1066 nachgestellt und bewegt noch bis heute. Also: The same procedure as every year.

Franziska Kothe und Dr. Viola Skiba am Rand des Schlachtgetümmels. © Viola Skiba

Die letzte Eroberung Englands

Am 14. Oktober 1066 besiegte der normannische Herzog Wilhelm den Angelsachsen Harold Godwinson in der Schlacht bei Hastings. Die Schlacht entschied den Streit um die englische Krone. Nach der Krönung des Earl of Wessex Harold zum König, die mit Unterstützung der englischen Elite geschah, entschied der Normannenherzog, in England einzufallen. Nach seinem Sieg wurde Wilhelm König von England und erhielt den Beinamen „der Eroberer“. Die Schlacht und ihre Folgen hinterließen tiefe Spuren im Gedächtnis der Engländer – wie tief, das erfuhren Dr. Viola Skiba, Projektleiterin der Normannen-Ausstellung, und ich während einer Reise nach England am zweiten Oktoberwochenende 2021.

Eine Geschichte wird zum Leben erweckt

„Das hier, das hier ist Geschichte. Diese Geschichte hatte Einfluss auf ganz Europa.
Und deswegen bin ich hier.“

Die Schlacht bestimmte nicht zufällig Zeit und Ziel unserer Reise: Wie jedes Jahr im Oktober versammelten sich am Ort der Schlacht, nahe der kleinen Stadt Battle (engl. für „Schlacht“!) bei Hastings, hunderte Reenactors (Rollenspieler), Geschichtsbegeisterte, Interessierte und zahlreiche Familien mit Kindern, um die Schlacht im Rahmen eines großen Reenactment-Spektakels hautnah zu erleben. Auf einem weiten Gelände erstreckten sich zwei durch eine große Wiese voneinander getrennte Lager mit weißen Zelten – die Lager der Normannen und der Sachsen. Oberhalb der Wiese überragten die Ruinen der Battle Abbey das Areal. Es heißt, dass Wilhelm die Abtei an jener Stelle errichten ließ, an der Harold am 14. Oktober 1066 fiel.

Wir wollten an diesem besonderen Tag verstehen, was die Eroberung für die Menschen heute bedeutet und wie sie wahrgenommen wird. Nachdem wir beim Eintritt in das normannische Lager einem „Normannen“ versprachen, auch sicherlich sein Heer bei der großen Schlacht am Nachmittag anzufeuern (was von einem Mann aus dem sächsischen Lager noch versucht wurde zu verhindern), kamen wir mit verschiedenen Reenactors ins Gespräch. Auf die Frage nach den Gründen für ihre Teilnahme an der Nachstellung der historischen Schlacht nannten sie den enormen Einfluss, den die normannische Eroberung auf die England gehabt habe und der noch heute in vielen Aspekten des Alltags greifbar sei.

Ein weiterer Faktor sei das große Interesse daran, zu verstehen und nachzuempfinden, wie die Menschen damals gelebt haben. Ein junger Mann erzählte uns, dass ihm oft erzählt worden sei, dass die Normannen die „Bösen“ gewesen seien, die man für ihren Einfall „hassen“ müsse. Jedoch habe ihm die intensivere Beschäftigung mit dem Thema gezeigt, dass ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken nicht zutreffe und sich die Kultur der Sachsen und Normannen in vielerlei Hinsicht sogar geähnelt habe. Ein Zuschauer berichtete von Stolz, den er verspüre, an diesem Tag Teil der Geschichte zu sein, die großen Einfluss auf ganz Europa hatte (s. Zitat oben). Die Normannen seien zweifelsohne rücksichtslos gewesen, es würde jedoch auch darauf ankommen, was die Normannen nachfolgend geleistet hätten. So betonte auch eine andere Frau, dass die historische Schlacht heute die Menschen zusammenbringen würde: „Es ist fantastisch – erst haust du Leute mit Schwertern und danach trinkst du mit ihnen!“.

Schlacht emotionalisiert bis heute

Uns wurde an diesem Tag klar, wie sehr ein weit zurückliegendes Ereignis heute noch emotionalisieren kann und wie wichtig es für das kollektive Gedächtnis ist. Obwohl Einzelgespräche deutlich machten, dass das normannische Erbe durchaus angenommen und als Teil der eigenen Kultur betrachtet wird, war auch eine weitere Facette zu beobachten. Die Niederlage des Jahres 1066 wird immer noch als Niederlage betrachtet und hat eine Wunde geschlagen.

Die Normannen bleiben die „Eroberer“ und Fremde, die das eigene Land für immer veränderten. Die Stelle in der Battle Abbey, an der Harold damals starb, ist heute mit einer Gedenkplatte markiert, an der Rosen und ein Klagegedicht über seinen Tod niedergelegt waren. Für die eigentliche Schlacht konnten Besucher in einem Zelt direkt an der großen Wiese Fahnen zum Anfeuern des normannischen oder sächsischen Heeres kaufen und es war nicht zu übersehen, dass eine Mehrheit der Besucher sächsische Fahnen schwang. Und auch bei der rund einstündigen Schlacht auf der großen Wiese, die von einem Moderator durchgängig mit spannenden Kommentaren begleitet wurde, hallten mehrheitlich Jubelrufe für die Sachsen über das Feld, nicht selten auch vom Moderator selbst angeleitet („…Und jetzt alle die Sachsen anfeuern!“).

Die direkte Konfrontation der Geschehnisse spiegelt das Verständnis und die Anerkennung der eigenen Geschichte wider, das Anfeuern des geschlagenen Heeres zeugt jedoch auch von einer vermeintlich negativen Gedächtniskultur, einem vermeintlichen „Wir und die Anderen“, dem aber mit Sportsgeist begegnet wird. Dies gipfelte in Kommentaren aus dem Publikum wie „Schon wieder verloren. Naja, vielleicht nächstes Jahr!“.

Ein normannisches England

Doch nicht nur die sich jährlich Wiederholung der Schlacht bei Hastings zeugt von der Bedeutung der normannischen Eroberung: während unserer Reise besuchten wir weitere Orte im Südosten Englands, das durch die Normannen bis heute nachhaltig geprägt wurden. So heißt der Strand von Pevensey, an dem Wilhelm 1066 mit seiner Flotte anlandete, noch heute „Normans Bay“ (Normannische Bucht) und man kann entlang des „1066 country walk“ (Fernwanderweg) die wichtigsten normannischen Stätten erwandern. Die ganze Region ist als „1066 county“ gekennzeichnet und verwaltet ihr kulturelles Erbe ganz bewusst unter diesen Vorzeichen.

Mit der normannischen Herrschaft entstanden in England zudem zahlreiche Festungen, die zum Teil heute noch existieren und von der English Heritage (englische Denkmalschutzbehörde) intensiv gepflegt und erhalten werden. Bei unserem Besuch normannischer Festungen in Hastings, Dover, Canterbury und Rochester stießen wir auf große und ehrliche Begeisterung, wenn wir von der geplanten Ausstellung über die Normannen in Mannheim berichteten – auch hier klang vor allem ein Aspekt an: dass Europa nicht das gleiche wäre, hätte es die Normannen und ihre Unternehmungen nicht gegeben.

Die normannische Geschichte lebt noch heute – vor allem in England.

Autorin: Franziska Kothe ist wissenschaftliche Volontärin im Projektteam der Sonderausstellung „Die Normannen“. Durch mehrere längere Aufenthalte in England hat sie enge Beziehungen zu dem Land und seiner Geschichte aufgebaut.

Neugierig geworden?

Die Normannen setzen Kurs auf Mannheim. Die Sonderausstellung ist vom 18.9.2022 bis 26.2.2023 zu sehen. Erfahren Sie mehr: www.normannen-ausstellung.de

Was war das Erfolgsrezept der Normannen? Wie wurden einfache hoch mobile Krieger in kurzer Zeit zu mächtigen Fürsten und Herrschern? Hören Sie rein in den Audio-Podcast mit Projektleiterin Dr. Viola Skiba.

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