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| Stephanie Herrmann

Graffiti als individuelle Zeugnisse des Reisens

Unzählige Graffiti und Inschriften an den Pyramiden, der Sphinx und den kolossalen Portalfiguren von Abu Simbel zeugen bis heute von dem ungebrochenen Wunsch nach persönlicher Verewigung. Seit jeher verspüren Reisende beim Anblick der mächtigen Bauwerke des Alten Ägyptens Ehrfurcht und Begeisterung. Der tiefempfundene Wunsch, das Erleben eines solch erhebenden Moments für die Nachwelt zu dokumentieren, ist angesichts dieser emotionalen Ausnahmesituation und des starken Stimulus dieser magischen Orte nur allzu menschlich.

Pascal Sébah, Kolossalstatuen am Tempel Ramses‘ II. in Abu Simbel, um 1875 (Detailausschnitt) / Die Graffitiflut an den Kolossalstatuen am Tempel Ramses‘ II. in Abu Simbel war hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass die Aufschüttungen von Flugsand die Tempelfiguren bis in Höhe des Brustbereichs leicht zugänglich machten; erst 1909 war die Fassade des Großen Tempels vollständig vom Sand befreit.

Das Bedürfnis, ein Zeichen der eigenen Anwesenheit zu hinterlassen, ist eine Kulturkonstante, die sich durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte zieht. Die noch relativ junge Disziplin der Graffiti-Forschung unterscheidet im Wesentlichen zwischen den Begriffen „Inschrift“ und „Graffito“ – so die Einzahl. Während Ersterer recht weit gefasst ist, erweist sich Letzterer durch seine Motivation und Ausführung als eine spezielle Form der Inschrift. Ganz vereinfacht lässt sich sagen: handelt es sich bei einer Inschrift um eine sorgfältig geplante „Auftragsarbeit“, so ist ein Graffito eher eine spontane „Gelegenheitstat“.

Soziale und kulturelle Orte von außergewöhnlicher Bedeutung boten sich seit jeher für Graffiti und Inschriften besonders an. Die an den Beinen der Kolossalstatuen von Abu Simbel um 590 v. Chr. von griechischen Söldnern angebrachten Inschriften zählen zu den ältesten ihrer Art. Von den spätmittelalterlichen Adelsreisen seit dem 14. Jahrhundert rühren zahlreiche inschriftliche und heraldische Zeugnisse an der Cheopspyramide und den Mauern der Wüstenklöster der heiligen Antonius, Paulus und Makarios, die als damalige südliche Begrenzungspunkte der europäisch-mediterranen Welt von westlichen Reisenden aufgesucht wurden. Schließlich setzten 1798-1801 die Soldaten der Napoleonischen Armeen voller Erobererstolz ihre Namen auf die Pyramiden, Tempel und Stauen entlang der Route ihres Ägyptenfeldzuges.

Graffiti vs. Hieroglyphen – Inschriften-Boom an den Bauwerken Altägyptens

Ein bis dato ungekanntes Ausmaß erreichte die Graffiti-Tradition in Ägypten zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in Folge des napoleonischen Ägyptenfeldzuges ganz Europa in eine regelrechte „Ägyptomanie“ verfiel und das Land zu einer der bevorzugten touristischen Destinationen avancierte.

Zahlreiche seit der Mitte der 1840er Jahren entstandene Fotografien zeugen bis heute von dem touristischen Graffiti-Boom dieser Zeit und bieten der Forschung schier unerschöpfliches Bildmaterial. Auf den Aufnahmen der Monumente Altägyptens sind Namen, Jahreszahlen, bisweilen ganze Texte deutlich zu erkennen. Mitunter treten die schriftlichen Hinterlassenschaften beinahe in Konkurrenz zu den „rechtmäßig“ hier angebrachten Hieroglyphen. Besonders leicht zugängliche und exponierte Wandflächen, wie die beiden nördlichen Kolossalstatuen vor dem großen Tempel Ramses‘ II. in Abu Simbel, sind von Inschriften restlos übersät. Unter den hinterlassenen Namen finden sich jene von höchster Prominenz, so prangen dort etwa der Namenszug von Herzog Max in Bayern samt Reisedatum und herzoglichem Kurhut sowie jener von Ferdinand de Lesseps, dem Erbauer des Sues-Kanals.

Pechfackel und Meißel – Techniken der Anbringung

Die Techniken der Anbringung variierten von Meißeln, Ritzen, Schneiden bis zu Malen und Einbrennen. Letzteres war vor allem in unterirdischen Grabkammern und Tempelräumen gebräuchlich, wo die Besucher als Lichtquellen und zur Abwehr von Fledermäusen Pechfackeln mit sich trugen. Im Allgemeinen überwog jedoch die Methode, die Schriftzüge tief und dauerhaft in das Mauerwerk einzumeißeln. Die handwerkliche Umsetzung lag bei den eingebrannten, gemalten oder geritzten Graffiti, vor allem aber bei den aufwendig, zuweilen kunstvoll in Stein gemeißelten Inschriften in aller Regel nicht bei den Reisenden selber, sondern wurde für ein entsprechendes Entgelt von Einheimischen ausgeführt.

Die Reisefotografien aus Ägypten aus der Wilhelm Reiß-Sammlung

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts haben die Geschwister Wilhelm, Carl und Anna Reiß, allesamt Sprösslinge der einflussreichen Mannheimer Unternehmerfamilie, von ihren zahlreichen Reisen umfangreiche Konvolute an Fotografien mit in ihre Heimat gebracht. Diese Aufnahmen bilden heute einen wichtigen Bestand für die Erforschung historischer Reisefotografie des 19. Jahrhunderts und werden vom Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen betreut.

Auch Wilhelms Ägyptenkonvolute, die er im Zuge seiner beiden Reisen in den Wintermonaten der Jahre 1880/81 und 1888/89 erworben hat, sind großartige Quellen der Spurensicherung. Ob er sich selber auch namentlich an einem der Monumentalbauten Altägyptens hat verewigen lassen, bleibt sein Geheimnis, dass die mitgebrachten Fotografien nicht preisgeben.

Autorin: Stephanie Herrmann ist Sammlungsleiterin des Forum Internationale Photographie. Die Kulturgeschichte des Reisens und die historische Reisefotografie des 19. Jahrhunderts zählen seit Studienzeiten zu ihren Forschungsschwerpunkten. Das detektivische Nachspüren vergangener Reisen anhand historischer Aufnahmen ist für die Fotohistorikerin ein besonders reizvoller Aspekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Neugierig geworden?

Mehr über die Sammlung historischer Reisefotografien erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Aktuell sind ausgewählte Bilder der Sammlung in der Sonderausstellung In 80 Bildern um die Welt zu bewundern.

Und wenn Sie selbst ins faszinierende Reich der Pharaonen reisen wollen - der Weg ist nicht weit: Gehen Sie auf eine Entdeckungstour in unserer Ausstellung Ägypten - Land der Unsterblichkeit.

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