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| Dr. Christoph Lind

Jüdisches Leben in Mannheim

2021 feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Die Reiss-Engelhorn-Museen weisen zum Festjahr innerhalb der ständigen Präsentationen auf bedeutende und seltene Zeugnisse jüdischen Lebens in Mannheim hin. Zum Auftakt steht ein Beschneidungsmesser mit Porzellangriff in Delphinform im Mittelpunkt.

Beschneidungsmesser mit Griff aus Frankenthaler Porzellan, um 1770 © rem, Foto: Rebecca Kind

Durch die ausgewählten Objekte erscheint jüdisches Leben in allen Epochen als ein selbstverständlicher Bestandteil der Mannheimer Geschichte. Über ihre künstlerische Beschaffenheit hinaus erzählen sie ihre eigenen Geschichten.

Beschneidungsmesser um 1770

Das kleine Beschneidungsmesser ist um 1770 entstanden. Der Griff in Form eines Delphins aus dem damals äußerst kostbaren Material Porzellan entstand in der Frankenthaler Manufaktur – ein Luxusprodukt für den Gebrauch einer jüdischen Klientel. Dem Zustand nach zu urteilen, ist die beidseitig geschliffene Klinge nie verwendet worden. Beschneidungsmesser gehörten nicht zum üblichen Repertoire von Porzellanmanufakturen. Möglicherweise handelte es sich daher eher um eine solitäre Produktion oder Bestellung.

Jüdische Familien in Mannheim im 18. Jahrhundert

Zum Zeitpunkt der Herstellung lebten über 200 jüdische Familien in Mannheim – arme und reiche –, die auf unterschiedliche Weise ihr Geld verdienten. Im Interesse der Kurfürsten sollten sich wohlhabende jüdische Familien in der Kurpfalz ansiedeln, um das Wirtschaftsleben zu bereichern. Die „Judenkonzessionen“ waren besondere Rechtsverordnungen, die den Zuzug, die Rechte und die Pflichten der Juden regelten, da diese bis ins 19. Jahrhundert rechtlich nicht gleichgestellt waren. Prinzipiell mussten Juden eine Sondersteuer – das „Schutzgeld“ – entrichten. Im 18. Jahrhundert konnten sie davon befreit werden, wenn sie Frankenthaler Porzellan im Wert von 1.000 Gulden erwarben. Möglicherweise ist die Entstehung dieses Beschneidungsmessers in diesem Zusammenhang zu sehen.

Autor: Dr. Christoph Lind ist als Direktor für die Bereiche Kunst- und Kulturgeschichte der Reiss-Engelhorn-Museen zuständig. Schätze aus diesen Sammlungen sind im Museum Zeughaus zu bewundern. 

Neugierig geworden?

Sobald die Reiss-Engelhorn-Museen wieder öffnen dürfen, sind das Beschneidungsmesser und weitere Objekte zum Thema „Jüdisches Leben in Mannheim“ im Museum Zeughaus in den Bereichen Glaubensschätze,Belle Époque und In 80 Bildern um die Welt zu sehen.

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