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| Stephanie Herrmann

Mit Carl und Anna Reiß durch Japan

Als die Geschwister Carl und Anna Reiß 1893 ihre große Weltreise antraten, die sie vom Hafen von Marseille ausgehend über China, Japan und Nordamerika wieder nach Mannheim führte, waren die beiden bereits ein im wahrsten Sinne des Wortes erfahrenes Reisegespann. Zahlreiche Reisen durch Europa und den Nahen Osten hatten sie bereits gemeinsam absolviert, bevor es sie dieses Mal in den Fernen Osten zog.

Tamamura Kozaburo (zug.), Hakone-Distrikt, Blick von Kashiwabara aus auf den schneebedeckten Gipfel des Fuji, 1890er Jahre

Im Land der Kirschblüte angekommen führte sie ihr Weg über die wichtigsten Städte, namentlich Nagasaki, Kyoto, Osaka, Kobe, Tokyo, und Yokohama. Damit folgte ihr Reiseverlauf in geradezu idealtypischer Weise der klassischen touristischen Reiseroute durch Japan, das sich seit dessen politischer Öffnung und zunehmend seit den 1870er Jahren als beliebtes Reiseziel etabliert hatte.
Haupthafen für alle Ankömmlinge aus Europa war der Hafen von Nagasaki. Die Einfahrt in die malerische Hafenbucht ließ die Reisenden alle Strapazen der Überfahrt jäh vergessen.

Hatte man wieder festen Boden unter den Füßen führte der erste Weg allerdings meistens direkt in die Obhut eines der großen europäisch geführten Hotels, die den stetig wachsenden Strom von Touristen und Geschäftsleuten beherbergten. Der Hotelpreis war vergleichsweise moderat, hingegen mussten Europäer für Dienstleistungen aller Art prinzipiell mehr bezahlen, was aber keineswegs als unlauter erachtet wurde. So erläutert Murray‘s 1884 erschienenes Japan-Handbuch: „Es ist nur gerecht, dass Ausländer mehr zahlen als Einheimische, sowohl für die Hotelunterkunft als auch für Rikschas. Sie wiegen in der Regel mehr, sie möchten beinahe immer zügiger reisen, sie verursachen in den Herbergen unendlich mehr Umstände durch ihre Ansprüche auf Einzelzimmer, stets frisch eingelassenes Badewasser, die Inbeschlagnahme ganzer Küchenbereiche für die Zubereitung ihrer europäischen Speisen von einem Dutzend weiterer Bedürfnisse dieser Art, ganz zu schweigen […].“

Tokyo – Moderne Metropole

Eine Reise durch Japan war nicht denkbar ohne einen Besuch der Hauptstadt Tokyo. Mit dem Beginn der Meiji-Epoche 1868 wechselte der Kaisersitz von Kyoto nach Tokyo, dem einstigen Edo und früheren Sitz der mächtigen Shogune. Tokyo war nun Hauptstadt und Regierungssitz zugleich und wuchs hinsichtlich seiner Größe und Einwohnerzahl in nur drei Jahrzehnten zu einer Großstadt immensen Ausmaßes heran, vergleichbar mit Städten wie Paris und Chicago.

Wer der Großstadt Tokyo für ein paar Tage entfliehen wollte, fand dazu in unmittelbarer Nähe beste Gelegenheit. Die Gebirgsregion rund um den Ort Hakone mit ihren zahlreichen kleinen Bergdörfern bot den Reisenden eine äußerst reizvolle Kombination aus landschaftlichem Charme, guter Erreichbarkeit und höchstem Komfort hinsichtlich der Unterkunftsmöglichkeiten. Die hohen Bergspitzen des Hakone-Distrikts erlauben bei klarem Wetter bereits einen Blick auf den unumstrittenen Höhepunkt einer jeden Japanreise: den gewaltigen Vulkankegel des Fuji.

Der Fuji – Der „ideale Berg“

Für Künstler war seine gleichmäßige Silhouette seit hunderten von Jahren ein beliebtes Motiv. Sie sahen in ihm den „idealen Berg“ schlechthin. Die Wege an den Fuß des Berges waren im ausgehenden 19. Jahrhundert bestens erschlossen. Die Tokaido-Eisenbahn und eine Pferdebahn brachten die zahlreichen Touristengruppen zu den umliegenden Ortschaften, die für Wanderungen um und auf den Fuji den idealen Ausgangspunkt bildeten. Von hier aus nahm man sich einen Kuli – wie die japanischen Reiseführer genannt wurden – oder ließ sich auf dem Rücken eines Pferdes die ersten Höhenmeter hinauftragen. Wer wollte, konnte auch selber vom Fuß des Berges den Aufstieg zum Gipfel wagen.

Für Auf- und Abstieg hatte man rund fünfzehn Stunden einzuplanen, darin waren kurze Verschnaufpausen während des ziemlich anstrengenden Aufstiegs sowie eine einstündige Rast auf dem Gipfel bereits einkalkuliert. Der Aufstieg wurde in den Reiseführern für die Sommermonate von Juli bis August empfohlen und selbst dann nur gut ausgestattet mit warmer Kleidung und ausreichend Proviant. Das galt umso mehr für diejenigen, die eine Nacht in einer der kleinen Schutzhütten verbringen wollten. Diese kargen Unterkünfte offerierten ihren Gästen an Komfort zwar nicht viel mehr als etwas gekochten Reis und heißes Wasser, dafür bot sich einem bei Tagesanbruch der unvergessliche Anblick des Sonnenaufgangs über dem Kraterrand.

Ob Carl und Anna Reiß den beschwerlichen Weg zum Gipfel auf sich genommen haben, muss offen bleiben. Auf jeden Fall haben sie es nicht versäumt, eine wundervolle Panoramaansicht, die den schneebedeckten Vulkankegel vom Ort Kashiwabara aus zeigt, als bleibende Erinnerung zu erwerben. Sie taten gut daran, sich für diese Ansicht des Berges zu entscheiden. Von Kashiwabara aus bietet sich dem Betrachter ein phantastischer Blick auf die symmetrische Silhouette des Berges, die sich bei gutem Wetter in den glatten Wasserflächen des umliegenden Schwemmlandes widerspiegelt. Diese besonders stimmungsvolle Szenerie hat seinerzeit augenscheinlich auch den Fotografen Tamamura Kozaburo (1856 – 1923) verzaubert. Seine von Hand sorgsam nachkolorierte Aufnahme ist unbestritten ein Highlight der Reiß’schen Fotosammlung, die heute vom Forum Internationale Photographie (FIP) bewahrt und wissenschaftlich betreut wird.

Autorin: Stephanie Herrmann ist Sammlungsleiterin des Forum Internationale Photographie. Die Kulturgeschichte des Reisens und die historische Reisefotografie des 19. Jahrhunderts zählen seit Studienzeiten zu ihren Forschungsschwerpunkten. Das detektivische Nachspüren vergangener Reisen anhand historischer Aufnahmen ist für die Fotohistorikerin ein besonders reizvoller Aspekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

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Mehr über die Sammlung historischer Reisefotografien erfahren Sie auf den Seiten des Forums Internationale Fotografie.

Ausgewählte Bilder der Sammlung sind in der Sonderausstellung In 80 Bildern um die Welt zu bewundern.

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