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| Dr. Klaus Wirth

Siedlung aus der Zeit Karls des Großen

Archäologische Grabungen öffnen spannende Fenster in die Vergangenheit. Bei aktuellen Arbeiten in Heddesheim stießen die rem-Archäologen auf Siedlungsspuren aus dem frühen Mittelalter.

Für den Laien sieht das Bild auf den ersten Blick unspektakulär aus. Aber Archäologen erkennen die Möglichkeiten. Nachdem in der Vorstadtstraße 14 die oberste Erdschicht abgetragen wurde, weisen Verfärbungen der Erde auf Gruben und Spuren früherer Besiedelung hin. Diese gilt es Stück für Stück freizulegen und zu dokumentieren. © rem, Archäologische Denkmalpflege

Die rem-Archäologen legen in und um Mannheim Spuren der Vergangenheit frei. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass die Wissenschaftler irgendwo auf gut Glück Grabungen durchführen. Meist kommen sie zum Einsatz, wenn Neubaugebiete erschlossen oder andere Bauvorhaben umgesetzt werden und in dieser Gegend mit alten Siedlungsspuren zu rechnen ist. So war es auch bei einer Grabung in der Vorstadtstraße 14 in Heddesheim. Hier wurde eine monumentale Tabakscheune abgerissen, um Platz für Reihenhäuser zu schaffen. In der näheren Umgebung wurden bereits Überreste von Siedlungen gefunden, die vom 6. Jahrhundert bis zum Spätmittelalter reichen. Die Wahrscheinlichkeit in der Vorstadtstraße 14 auf Zeugnisse der Merowinger oder Karolinger zu treffen, war also sehr hoch. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Spuren aus dem frühen Mittelalter

In enger Abstimmung mit dem Bauherren und dem Landesamt für Denkmalpflege begannen am 24. März 2021 die archäologischen Arbeiten. Auf einer Fläche von etwa 130 m2 wurden 60 Strukturen freigelegt, dabei handelte es sich v.a. um größere und kleinere Gruben, die sich im Laufe der Jahrhunderte mit Erde gefüllt haben. Die Funde erlauben spannende Rückschlüsse auf die Besiedlungsgeschichte und den Alltag der damaligen Bewohner.

Es wurden Keramikscherben aus der Zeit vor Christi Geburt gefunden. Eine verstärkte Besiedelung konnte jedoch erst für das Frühmittelalter im 7. Jahrhundert nachgewiesen werden. Das Gros der Gruben stammte aus dem 8. und 9. Jahrhundert – einer Zeit, die wir mit der Herrschaft Karls des Großen und seiner Nachfolger in Verbindung bringen. Darunter befand sich auch eine 0,8 m tiefe Kellergrube. Sie war lediglich auf einer Länge von ca. 1,2 m und einer Breite von ca. 2,5 m erhalten. Die Grube war mit dunkelbrauner Erde aufgefüllt. In der Verfüllung befanden sich viele zeittypische Tongefäßfragmente und Tierknochen von Großsäugern wie Pferd und Rind, was uns Einblicke in Tierhaltung und Speiseplan ermöglicht.

Zum Brotbacken hatte man einen Lehmkuppelofen in einer Grube errichtet. Der Standort des Ofens konnte dank violett bis orangeroter Verfärbungen der Erde nachgewiesen werden. Zahlreiche kreisförmige Gruben weisen auf ehemals vorhandene Pfosten hin, die zu einem oder mehreren Gebäuden gehörten. Wenn genügend Pfostengruben erhalten sind, kann nach Auswertung des digitalen Befundplans die Lage der Häuser und deren Bauweise rekonstruiert werden. Hierfür wurde die Fläche vor Ort vermessen und alle Funde exakt dokumentiert.

Spuren aus Barockzeit

Nach dem Ende der Karolingerzeit gab es an dieser Stelle zunächst eine Siedlungsunterbrechung. Erst in der Barockzeit wurde das Grundstück neu erschlossen. Die Vielzahl von bis zu einem Meter breiten und 5-6 m langen Gräben zeigt, dass der hintere Grundstücksbereich als Gartenareal verwendet wurde. Bei den ineinander verschachtelten Gräben handelte es sich einst um Beete, die von Steinen eingefasst wurden. Diese Gräben haben aufgrund ihrer Tiefe viele ältere archäologische Strukturen zerstört.

Wie geht es weiter?

Wie geht es auf dem Grundstück weiter? Wenn der komplette Abriss erfolgt ist, werden die rem-Archäologen noch einmal an der Stelle tätig, wo ein Carport und ein Wohnhaus entstehen sollen. Dort erhoffen sie sich weitere Siedlungsspuren in besserer Erhaltung. Im Bereich der Tabakscheune kann bereits mit dem Bau der Reihenhäuser begonnen werden. Durch gute Absprachen kommen Archäologen und Bauarbeiter sich auf diese Weise nicht in die Quere.

Ehrenamtliche Helfer

Die rem-Archäologen werden bei Grabungen und der Bearbeitung der Funde von erfahrenen Ehrenamtlichen tatkräftig unterstützt. So waren auch in der Vorstadtstraße 14 zahlreiche ehrenamtliche Helfer im Einsatz. Zwei von ihnen fuhren sogar jeden Tag mit dem Fahrrad von Mannheim zur Grabung nach Heddesheim. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

Autor: Dr. Klaus Wirth ist der Leiter der Abteilung Archäologische Denkmalpflege und Sammlungen der rem.

Neugierig geworden?

Erfahren Sie mehr über die Archäologische Denkmalpflege an den rem.

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Außergewöhnlichen Funde aus Mannheim und der Umgebung können Sie in der Ausstellung Versunkene Geschichte bewundern.

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